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Als der Osten noch Heimat war

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski

Als die deutschen Gebiete in Osteuropa nach 1945 verlorengingen, betrauerten Millionen deutscher Flüchtlinge den Verlust ihrer Heimat. Was diese Menschen verließen, war ihre Heimat – eine heile Welt war es nicht und konnte es nicht seinangesichts der spannungsreichen Geschichte dieser Region. Es ist ein hochemotionales Thema, dem sich die Autoren dieses Bandes widmen. Ulla Lachauer, Gerald Endres, Hans-Dieter Rutsch und Beate Schlanstein haben Zeitzeugen befragt, Archive durchforstet, historisches Bildmaterial gesichtet, mit deutschen und polnischen Wissenschaftlern der jüngeren Generation gesprochen. Wlodzimierz Borodzziej, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Warschau, hat diesen Aufarbeitungsprozess von polnischer Seite aus kritisch und engagiert begleitet. Entstanden ist ein wichtiges Buch, das dieses leidvolle Kapitel polnisch-deutscher Geschichte fassbar macht.

Unter geteiltem Himmel

Wer seine Kindheit und Jugend bis zum Ende des 2. Weltkriegs an der Oder oder der Weichsel verbracht hat, in Breslau, Katowitz, Graudenz oder Stolp, reist heute nach Polen, um die Stätten von einst neu zu erkunden: nach Wroclaw, Katowice, Grudziadz oder Slupsk. «Jene, die diese Heimat verlassen mussten, haben vor allem die Bilder zeitlos schöner Landschaften und die Szenen einer vormodernen heilen Welt weitergegeben – wogende Getreidefelder, der weite Himmel, schattige Alleen und Waldwege. Viel Folklore und wenig Konflikte, und Unrecht nur dann, wenn es gegen Deutsche gerichtet war. Ein erstaunlicher Befund (…) Die Landschaftsbilder helfen auf der Suche nach der konkreten Lebenswirklichkeit nicht weiter. Kann es sein, dass sie vor allem gut geeignet sind, das Unheile in der vermeintlichen heilen Welt zu verbergen?»

Als der Osten noch Heimat war möchte dazu beitragen, dass diese weißen Flecke im europäischen Gedächtnis mit Leben gefüllt werden. Mit Bildern, Geschichten, Erfahrungen, Erkenntnissen. So hat sich Hans-Dieter Rutsch aufgemacht, Schlesien, das «Land unter dem Kreuz», besser zu verstehen: an der Seite von Sigismund Freiherr von Zedlitz. Der 1931 in Liegnitz geborene Schlesier gilt als einer der besten Kenner der Stadt Breslau und seiner Bewohner.

Ulla Lachauer ist an die Weichsel gereist, nach Gruzdiasz. Die Goetheschule im ehemaligen Graudenz, «ein flüchtiges Phänomen der Zeit zwischen zwei Weltkriegen», hat ihr Interesse geweckt. Weil die Goetheschüler, «seit 1945 in alle Winde verstreut», bis heute zusammenhalten – vielleicht gerade, weil ihre Kindheit von den zwei großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts eingerahmt sind. Fünf Zeitzeugen schärfen ihr (und unser) Verständnis von den dramatischen politischen, sozialen und emotionalen Verwerfungen jener Jahre. Gerald Endres schildert in seinem Beitrag Gutsherren und Pferdeland, Kartoffelacker und Reichsluftschutzkeller das Ende der alten pommerschen Welt.

Nachbarn, Freunde, Okkupanten

Die Sicht Polens auf den Konflikt mit den Deutschen ist eine andere, muss eine andere sein, spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als Preußen, Russland und Österreich über das polnische Staatsgebiet herfielen und es unter sich aufteilten. Damit war Polen für ein Jahrhundert von der Landkarte Europas getilgt. Der von Großmachtambitionen trunkene preußische Staat wollte mehr, als die okkupierten polnischen Territorien nur besitzen: die Rundum-Germanisierung der als zivilisatorisch minderwertig betrachteten nichtdeutschen Untertanen war das Ziel. Die Polen sollten deutsch sprechen, ihre Kinder auf deutsche Schulen schicken, deutschen «Tugenden» (Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit) nachstreben. Dass diese deutschnationale Umerziehungspolitik bei den Unterworfenen keine Begeisterungsstürme entfachten, kann man sich vorstellen.

Die Pläne des NS-Staats waren an zynischer Konsequenz nicht zu übertreffen. Polen sollte als Kulturnation ausgelöscht werden, sein Status sollte der eines Volks von Sklavenarbeitern für die deutsche Herrenrasse sein. Den Boden für die Liquidierung der Intelligentsia und die Ermordung der polnischen Juden in den KZs bereiteten die in allen Bevölkerungsschichten Deutschlands verbreiteten antipolnischen Ressentiments. «Alle Verbrechen der Kriegszeit wurden in Polen begonnen, dort wie in einem riesigen Laboratorium getestet und bis zur Perfektion getrieben. Sechs Millionen Polen kostete diese Politik das Leben. Die Wahrnehmung für dieses ungeheuerliche Unrecht und das Bekenntnis dazu fehlen allerdings weitgehend im deutschen Bewusstsein. Neben dem Gedenken an den Holocaust und an die Verbrechen des Krieges gegen die Sowjetunion bleibt das Leid der Polen im deutschen Umgang mit der Vergangenheit merkwürdig blass – und aus polnischer Sicht wohl auch auf kränkende Weise unausgesprochen.» (Beate Schlanstein)

Dichter und Historiker Hand in Hand

Wlodzimierz Borodzziej, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Warschau, arbeitet in seinem Beitrag die entscheidenden Bruchstellen der deutsch-polnischen Beziehungen zwischen 1919 und 1944 heraus – um am Ende, zur Abrundung des Befunds als Historiker, auf die Werke bedeutender Schriftsteller (und Zeitzeugen) zu verweisen: «Horst Bienek für Oberschlesien, Günter Grass für Danzig, Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz und Ernst Wiechert für Ostpreußen, Andrzej Szczypiorski für Lodz – sie alle haben dieser untergegangenen Welt, in der nach 1939 der blanke Wahnsinn zu herrschen begann, bis heute literarische Denkmäler gesetzt.»