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Almudena Grandes: Das gefrorene Herz

© ullstein bild (Bühne); Ekko von Schwichow

Als Franco 1975 starb und Spanien sich auf den steinigen Weg zur Demokratie machte, war das Land tief gespalten. Die Fronten des Bürgerkriegs verliefen oft innerhalb der Familien: Faschisten gegen Republikaner, Anarchosyndikalisten gegen Monarchisten, Klerikale gegen Antiklerikale, durch Familienbande geeint, durch eine grausame Geschichte voneinander getrennt. «Kleiner Spanier, der du zur Welt kommst, dich behüte Gott. Eines der beiden Spanien wird dein Herz gefrieren lassen», heißt ein berühmter Vers des Dichters Antonio Machado, der Almudena Grandes’ neuem Roman den Titel gab.
Ihre Erfolgsromane (wie Lulu und Die wechselnden Winde) werden in Spanien von Millionen gelesen. In ihrem neuen monumentalen Epos erzählt sie von zwei Familien, die den dunklen Schatten der Vergangenheit nicht entkommen können. «Das große Geschichts- und Liebesepos gibt es nicht mehr? Von wegen! Und sage keiner, es ginge uns nichts an.» (NDR)


Man kann den knapp tausendseitigen preisgekrönten Roman durchaus einen «Schmöker über den Spanischen Bürgerkrieg» nennen (Franziska Augstein, Süddeutsche Zeitung), oder einen «opulenten Roman mit einer überzeugenden, ernsten und leidenschaftlichen Liebesgeschichte» (NDR Kultur). Zwei Familien, die Carrións und die Fernández, Francoanhänger die einen, Republikaner die anderen, drei Dutzend Lebensläufe über mehrere Generationen hinweg. Und in allen dieser Lebensläufe scheinen Spaniens Traumata des 20. Jahrhunderts auf: Mord und Vertreibung, Korruption und Verrat, Ausgrenzung und Exil. Jede Liebesgeschichte, die hier aufgefächert wird, birgt auch einen tragischen Kern.

Denn die Geschichte lässt sich nicht verdrängen – auch wenn es mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte, bis endlich die Massengräber des Bürgerkriegs geöffnet werden, um den Opfern von einst ihre letzte Ruhe zu geben. Mit den Gräbern rissen die alten Wunden wieder auf; die Toten der Jahre 1936 bis 1939 sind das politische Thema Spaniens schlechthin – auch das ein Grund für den Bestsellererfolg von Das gefrorene Herz, für den Grandes 2009 den Prix Méditerranee erhielt.

Das Trauma des Spanischen Bürgerkriegs

Am 17. Juli 1936 begann der Putsch gegen die spanische Republik. Der bis in den April 1939 währende Bürgerkrieg zerriss das Land auf Jahrzehnte; niemand konnte in dieser Auseinandersetzung neutral bleiben. Auf der einen Seite die Republikaner, ein fragiles Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten, Linksliberalen und Anarchisten, auf der anderen Seite das Franco-Lager samt Monarchisten und konservativem katholischem Klerus. Hitler und Mussolini erprobten auf spanischem Boden nicht nur ihre Waffenarsenale, sondern testeten auch die Bereitschaft der westlichen Demokratien, sich den faschistischen Welteroberungsplänen in den Weg zu stellen. Wie man heute weiß, hat Franco mehr als 50.000 seiner Gegner in Massengräbern verschwinden lassen; allein in den ersten Wochen des Bürgerkriegs sollen 20.000 Republikaner exekutiert worden sein, unter ihnen auch der Dichter Federico Garçia Lorca. Und über eine Million seiner Landsleute flohen vor der Diktatur ins Exil. Das sollte man wissen, wenn man nach den Gründen des immensen Erfolges von Almudena Grandes’ Opus magnum in Spanien sucht.

Im Zentrum ihres gewaltigen Epos steht Álvaro Carrión González, ein 42-jähriger Physiker. Bei der Beerdigung seines Vaters Julio in dessen Heimatort Torreledones fällt ihm auf dem Friedhof eine junge Frau auf, die sich dezent im Hintergrund hält und nach der Zeremonie spurlos verschwunden ist. Als Álvaro zur Sichtung der Hinterlassenschaft die Hausbank seines Vaters in Madrid aufsucht, sieht er die schöne Unbekannte wieder: Raquel Fernández Perea, studierte Wirtchaftswissenschaftlerin und jetzt als Investmentbankerin zuständig für das Erbe der Carrións. Es ist der Beginn einer leidenschaftlichen, verzehrenden und von Anfang an bedrohten Liebesbeziehung. «Nichts sollte mehr sein wie zuvor ...»

Durch die Begegnung mit Raquel wird ihm sein Vater immer mehr zum Rätsel. Dass auch der eine Affäre mit Raquel Fernandez hatte, blendet Álvaro, halb fasziniert und halb angewidert, aus. Bei der Sichtung des väterlichen Nachlasses fällt ihm ein Umschlag mit geheimen Dokumenten – Briefen, Fotos, Urkunden – in die Hände, die ihm eines schmerzhaft klarmachen: Eigentlich hat keiner aus der Familie wirklich gewusst, wer Julio Carrión Gonzales wirklich war. Ein Mann ohne Überzeugungen, ein Verräter, ein prinzipienloser Opportunist, der auf beiden Seiten der Bürgerkriegsgräben seinen Vorteil suchte, zunächst als junger Sozialist, dann als Falangist, den es mit der faschistischen Blauen Division in Hitlers Ostheeren bis nach Russland verschlug. Ein millionenschwerer Kriegsgewinnler, der schamlos Raquels Familie verriet, die ihm, dem jugendlichen Flüchtling aus der Heimat, nach dem Krieg im französischen Exil Unterschlupf gewährte – ein Verrat, der Raquels Großvater Ignacio, im Krieg einer der führenden Republikaner im Widerstand, den Boden unter den Füßen wegzog.

Entsetztes Schweigen, beredtes Schweigen

Für Álvaro beginnt in den Gesprächen mit seiner Geliebten Raquel ein schmerzhafter Prozess der familiären Selbstbefragung: «Auf der einen Seite eine Familie wie deine, die einmal in dieser Stadt wohnte, in einem Haus wie diesem, und alles verloren hat. Und dann ein Mann wie mein Vater, Sohn eines Schafhirten, der zwar eine Herde besaß, aber trotzdem nicht mehr als ein einfacher Schäfer war, und einer Dorflehrerin, die nicht einmal Platz zum Sterben hatte, einem Mann, der in einem Bergdorf aufwuchs, nicht auf die Universität gegangen ist und trotzdem so reich wurde, dass er ein ganzes Immobilienimperium gründen konnte. All das innerhalb von zwei, drei Generationen, und jetzt du und ich hier ...»

Das gefrorene Herz kann man als Chronik eines vertuschten Verrats lesen. Aber Grandes’ Buch hält viele Facetten bereit; seine Tiefenschärfe ist frei von Larmoyanz und Moralisieren. Es dürfte kaum einen Roman geben, in dem so viele mitreißende Liebesgeschichten erzählt werden: normale und fatale, glückliche und tragische. Zu den bewegendsten zählt die Geschichte von Álvaros Großmutter Teresa, einer überzeugten Sozialistin, die ihren Mann verließ, weil sie einen anderen liebte, einer Frau, die von Francos Schergen gehasst wurde wie kaum eine andere Exponentin des Widerstands – und die im Juni 1941 im Gefängnis von Ocaã starb.

Die Episoden verdichten sich zum Panorama eines bewegten Jahrhunderts: spanische Republik und Franco-Putsch, internationale Brigaden und Kriegstestlauf für Hitler und Mussolini, Tod des Diktators und Transición zur Demokratie. Und auch wenn an keiner Stelle verborgen bleibt, welcher Seite in dem verlustreichen Bürgerkrieg Grandes’ politische Sympathie gilt, verweigert sie sich dem simplifizierenden Klischee von Gut und Böse, von heroischen Republikanern und üblen Falangsten. Gerade Mischcharaktere wie der ehemals fanatische Faschist Eugenio, im Grunde seines Herzens ein glühender Idealist, geben dem Roman seinen speziellen Reiz.