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Alfred Grosser: Von Auschwitz nach Jerusalem

© picture-alliance/dpa, Fotograf: Hanan Isachar

Der heute 84-Jährige Politologe Alfred Grosser wird von islamischen und zionistischen Fundamentalisten gleichermaßen abgelehnt. Grosser, dessen deutsch-jüdische Failie 1933 von Frankfurt nach Paris emigrierte, nennt sich einen «atheistischen Humanisten» mit deutsch-jüdisch-französischer Identität. Seine politische und intellektuelle Maxime: «Richtig denken, das heißt gerecht denken.» Und: Menschenrechte sind unteilbar – wer von den Ängsten der Israeli spricht, darf nicht die Leiden der Palästinenser verschweigen.
«Und wenn in Berlin ein ein Sterod-Platz eingeweiht, habe ich gefragt, wo ist denn der Gaza-Platz?» – Bemerkungen wie diese bringen dem hochdekorierten Wissenschaftler seit langem einen infamen Vorwurf ein: «jüdischer Selbsthass». Weil er wie Martin Walsers den Begriff «Auschwitzkeule» durchaus für diskutierenswert hält, weil er die Gefahr der Verabsolutierung der Shoah sieht. In seinem Buch «Von Auschwitz nach Jerusalem besticht durch messerscharfe Analysen. Es ist hervorragend geschrieben. Es wird Widerspruch provozieren – doch as ist bei guten Büchern so.» (Deutschlandradio Kultur)


(Der folgende Artikel ist der Rowohlt Revue 88 entnommen; Autor: Jürg Altwegg)

Gerecht denken

«In diesem Buch geht es um ein Thema, bei dem man zunächst klarstellen muss, wer schreibt und warum»: so lautet sein erster Satz. Alfred Grosser muss man nicht vorstellen. Aber im Zusammenhang mit seinem neusten Buch darf man in Erinnerung rufen, dass der unermüdliche Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland, der angesehene Publizist und Politologe 1925 in Frankfurt geboren wurde. Seine Familie floh nach Frankreich, Alfred Grosser überlebte unter schwierigen Umständen im Süden des Landes.

Im Alter von 19 Jahren arbeitete er in Marseille als Lehrer an einer katholischen Privatschule – nur der Direktor wusste, dass sein Mitarbeiter Jude war. Von der Deportation blieb die Familie verschont, nicht aber von Schicksalsschlägen, die sehr wohl auf das Exil zurückzuführen sind. Grosser blieb Frankreich dankbar und verbunden. Er wurde aber ebenso selbstverständlicherweise zum Pionier des Dialogs mit dem Deutschland seiner Herkunft. Die Idee einer Kollektivschuld hat er im Gegensatz zu vielen Franzosen nie vertreten.

Frieden ist möglich

Warum aber schreibt er dieses Buch mit dem Untertitel Über Deutschland und die Juden? Schon im Vorwort erinnert der Autor an einen Leserbrief, den er in der F.A.Z. veröffentlichte: «Ich habe seit vielen Jahren das ständige Glück, glücklich zu sein. In der Familie und im vielseitigen Beruf. Aber gerade weil ich fast immer in Glück und Freude gelebt habe, habe ich mir seit Jahren die Pflicht auferlegt, mich so gut es ging um Unglückliche zu kümmern, was nun deren Identität auch sein mochte.» Fast könnte man den Eindruck bekommen, dass sich Alfred Grosser als nun über Achtzigjähriger für sein erfülltes Leben und für seine optimistische Weltsicht glaubt entschuldigen zu müssen. Dass man ihn zur Erklärung, zur Rechtfertigung zwingt. Und sei es für sein Überleben – dafür, dass er der Shoah entkam.

Deshalb schreibt Alfred Grosser Leserbriefe und nicht Leitartikel: Er hatte es gewagt, Israels Politik zu kritisieren. Und dafür wurde er in Frankreich genauso wie in Deutschland mit unsäglichen Unterstellungen und Vorwürfen eingedeckt. In beiden Ländern haben ihm Intellektuelle – vor allem: jüdische Intellektuelle – jüdischen Selbsthass unterstellt. «Ekel Alfred» höhnte zum Beispiel Henrik Broder. Grosser, dem überzeugten Laizisten, wurde mit solchen Unterstellungen die Verdrängung seiner jüdischen Identität vorgeworfen.

Jüdischer Selbsthass?

In diesem Buch geht es um die Frage, ob man Israel kritisieren darf, ohne gleich als Antisemit eingestuft zu werden. Der «jüdische Selbsthass» erscheint in diesem Zusammenhang schlicht als Variante des Antisemitismus. Die Erfahrungen, die Grosser in den letzten Jahren machte, müssen bitter gewesen sein. Deshalb hat er Von Auschwitz nach Jerusalem geschrieben. Er sagt darin, was er weder in Leserbriefen noch Leitartikeln darstellen kann. Es liest sich vor dem Hintergrund seines imposanten Gesamtwerks – auch über den Umgang mit dem Genozid, über das Gewicht der Geschichte in der Gegenwart – als politisches Glaubensbekenntnis. Es ist ein persönliches Buch. Und es wird heftige Debatten auslösen.