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Weltveränderer» wäre er gern geworden. Und zumindest in einem überschaubaren Teil dieser Welt ist ihm das durchaus gelungen. Alfred Grosser ist so etwas wie die Personifikation des deutsch-französischen Verhältnisses und darüber hinaus ein scharfäugiger Beobachter des politischen Geschehens und steter Mahner – ein «Weltenbürger» im besten Sinne. Der emeritierte Professor, 1925 in Frankfurt am Main geboren, liebte sein Leben lang die Kontroverse und setzte sich mit Begeisterung zwischen alle Stühle.
Alfred Grosser: «Aber ich habe ja imGluck gelebt. Nicht weil ich an einem Sonntag geboren wurde und somit ein «Sonntagskind» bin. Auch nicht, weil ich besondere Gene bei meiner Geburt mitgebracht hatte, obwohl ich oft lächelnd sage: «Ich bin intellektuell pessimistisch, aber genetisch optimistisch, wobei doch manchmal die Gene versagen, zum Beispiel beim Problem Israel und die Palastinenser.» In La Croix habe ich im Dezember 1999 einen längeren Artikel geschrieben Il faut résister à l’écoeurement (Man soll dem Ekel widerstehen). Die Betrachtung von Politik und Gesellschaft lässt ja nicht selten ein Gefühl von Ekel aufkommen, aber bei mir ist es fast immer schnell überwunden. Wenn ich gläubiger Christ wäre, würde ich wagen zu sagen, ich lebe in einem fast immer anhaltenden Zustand der Gnade. Ich sage nur, dass ich wirklich unverdientes Gluck gehabt habe.»
Als Emigrant, der 1933 mit seiner Familie Nazideutschland Richtung Frankreich verlassen hatte, legte er sich nach dem Krieg mit den deutschen Vertriebenenverbänden an. Obwohl jüdischer Abstammung, kritisierte er vehement die Politik des Staates Israel gegen die Palästinenser. Und obwohl erklärter Atheist, schrieb er immer wieder für katholische Zeitungen.
In seiner Lebensbilanz Die Freude und der Tod gibt er Auskunft über die intellektuellen und moralischen Grundlagen seiner Arbeit als Professor, Redner und Kommentator, für den Politik «das beste Mittel ist, neue Trauer zu vermeiden». Noch einmal besucht er all die Felder, auf denen er ein Leben lang gestritten hat, und mustert Zeitgenossen und Vorgänger. Er bewundert Albert Camus, Wolfgang Schäuble und Fritz Erler, hält wenig von Sartre, Freud und der Günstlingswirtschaft Nikola Sarkozys und prangert vehement den «Sozialrassismus» und die «dummen, ja verbrecherischen Aussagen» eines Thilo Sarrazin an.
Dabei erweist sich der «Moralpädagoge» noch immer als hellwacher Analytiker, der eine gleichermaßen dezidierte Meinung zu Vorstandsgehältern und landwirtschaftlichen Subventionen, zur Homosexualität wie zur weltweiten Korruption hat. «Ich rede gern», sagt er von sich selbst. Und: «Bescheiden habe ich nie sein wollen.» Beide Eigenschaften teilt er mit einer Reihe mehr oder weniger illustrer Zeitgenossen. Was Alfred Grosser von ihnen unterscheidet: Seine Beobachtungen und Kommentare ruhen auf einem stabilen Fundament historischen und politischen Wissens. Und mehr noch als die Kontroverse schätzt er den Brückenschlag – nur ohne falsche Kompromisse.
(Aus: Rowohlt Revue 91, Autor: Mark Tietze)