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Aharon Appelfeld: Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen

© Matrix Buchkonzepte Ch. Modi & M. Orlowski; Marianne Fleitmann (Autorenfoto)

«Bald achtzig und schon immer leise ...», schrieb Die Welt über ihn. Am 16. Februar 2012 feiert Aharon Appelfeld seinen 80. Geburtstag. Er wurde 1932 in Zhadowa bei Czernowitz geboren – jenem Ort in der Bukowina, aus dem auch der Lyriker Paul Celan stammt. Die Jüdische Zeitung nennt Appelfeld, der seine Kindheit im Resonanzraum dreier Sprachen (Deutsch, Jiddisch, Ruthenisch) verbrachte, den «wichtigsten Chronisten des NS-Völkermordes am europäischen Judentum in hebräischer Sprache». Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen ist – neben Geschichte eines Lebens – sein persönlichster autobiographischer Roman. Es ist seine Geschichte, die wir da lesen: das Drama eines Menschen, der als Kind unter die Räder der nationalsozialistischen Mordmaschinerie in Osteuropa kam. Der als kleiner Junge seine Mutter und andere Familienangehörige verlor. Der in den Wäldern Rumäniens lebte, von Hunger und Angst gepeinigt – ehe er nach einer langen Odyssee durch halb Europa 1946 in Palästina eintraf.

«Wir leben in einem brennenden Rätsel»

Erwin, der schlafende Junge aus Appelfelds neuem Roman, ist unverkennbar der Autor selber (unter diesem Namen wurde er in Czernowitz geboren). Schlafen ist für den Sechzehnjährigen auf der Flucht nach Palästina Schutz, Erholung und Kampf zugleich: das verzweifelte Ringen um seine Erinnerung. Im Schlaf, im Traum stemmt er sich gegen den Verlust dessen, was ihn ausmacht: die Erinnerungen an die geliebte Mutter, an ihre Sprache, an die Orte seiner Kindheit. Manchmal mussten ihn die anderen Flüchtlinge buchstäblich mitschleppen, in Zügen, auf Pferdewagen oder zu Fuß, so wie es sein Vater vorher auf den Todesmärschen tat. Schlaf und Traum sind für den Jungen lebenswichtig, lebensrettend; nur so kann er festhalten, was er vor dem Vergessen retten will:

«Du hast ganz ruhig geschlafen, und du sahst schön aus in deinem Schlaf. Mir ist es so vorgekommen, als würdest du das richtige Leben leben, nicht wir. (…) Manche Leute haben gedacht, der Schlaf wäre dein Untergang, aber die Vernünftigen haben gesagt, lasst den Jungen schlafen, er ist mit dem Schlaf verbunden, man darf ihn nicht von ihm trennen. Wenn es so weit ist, wird er aufwachen und so sein wie wir alle.»

Wer wie Appelfeldt als Kind Krieg, Deportation und unfassbare Grausamkeit erlebt hat, muss mit seinen Erinnerungen sorgsam umgehen. Ließe das Kind alles zu, es würde am Wiedererleben des Schreckens zerbrechen. Ghetto, Lager, Flucht, Tod, Angst, Hunger, Verlassenheit – wie soll ein kleines Kind das aushalten, ohne für immer an seiner Seele Schaden zu nehmen? Es gibt dieses bekannte Bild, das Appelfeld als sechsjährigen Jungen zeigt: ein wohlbehüteter Knirps im Matrosenanzug, neben ihm ein Schaukelpferd; auf dieses Bild bezog sich Philip Roth, als er notierte: «Man kann sich nicht vorstellen, dass dieses Kind keine vierundzwanzig Monate später jahrelang in den Wäldern überleben muss, ein gejagter, elternloser kleiner Junge.» Sein ganzes Leben wird ein Kampf zwischen Erinnern und Vergessen sein – der Versuch, die Trümmerteile zu einem Ganzen fügen, zu einem Leben mit Bedeutung.

Autoreninfo

Aharon Appelfeld wurde 1932 in Czernowitz geboren. Nach Verfolgung und Krieg, die er im Ghetto, im Lager, dann in den ukrainischen Wäldern und als...
mehr über den Autor
Lebenslanger Kampf gegen das Vergessen

Sieben Jahre alt war Aharon Appelfeldt bei Ausbruch des 2. Weltkriegs: ein Kind assimilierter jüdischer Eltern aus Czernowitz, der Stadt, in der «Bücher und Menschen lebten» (Paul Celan). Über Nacht ist die Kindheit des Jungen vorbei. Seine Mutter und Großmutter werden von rumänischen Faschisten ermordet, er selbst nach Monaten im Ghetto auf dem Todestreck durch die Steppen der Ukraine von seinem Vater getrennt. Aber immer wieder traf er Menschen, die ohne zu zögern halfen, auch wenn sie damit ihr eigenes Todesurteil unterschrieben – wie die Gebrüder Rauchwerger oder den Leiter der städtischen Blindenschule, der die Kinder Tag und Nacht Lieder üben ließ, um ihre Seelen für ihren letzten Weg zu immunisieren: den Abtransport in den Tod.

Sich selbst zu immunisieren hat Appefeldt niemals gelernt. «Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind bereits über fünfzig Jahre vergangen. Vieles habe ich vergessen, vor allem Orte, Daten und die Namen von Menschen, und dennoch spüre ich diese Zeit mit meinem ganzen Körper. Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder, in denen ich so lange Zeit verbracht habe. Die Erinnerung hat im Körper anscheinend lange Wurzeln.»

Dass er das barbarische Wüten der Deutschen und ihrer rumänischen Helfershelfer überlebte, gleicht einem Wunder. Monatelang lebte er in den Wäldern, immer auf der Suche nach Schutz und Essbarem, immer in der Gefahr, an die Deutschen verraten zu werden. Aus dem KZ erfahren wir nur eine einzige Episode. Die ist aber so schrecklich, dass wir sofort verstehen, weshalb das Kind diese Zeit verdrängen und vergessen will. Im Lager gab es einen Zwinger mit deutschen Schäferhunden, die systematisch auf Menschen abgerichtet waren. Ihnen warf man die kleinen Kinder vor, die in die Transporte geraten waren. «Eines Tages geschah etwas Unglaubliches: Die Hunde hatten bereits mehrere Kinder zerrissen, doch zweien taten sie nichts an. Die Kleinen standen sogar da und streichelten die Hunde …»

Neuer Jude. Neues Land. Neue Sprache

Über Lager in Jugoslawien und Italien geriet Erwin/Aharon schließlich auf ein Schiff, das ihn nach Palästina brachte. Wie alle Neuankömmlinge in den Kibbuzim und Jugenddörfern, musste er in diesem neuen Land der Juden Hebräisch lernen: Worte ohne Wärme, Sätze, deren Klang keine Assoziationen weckte, eine Soldatensprache. Es dauerte lange, bis er durch das Lesen der Bibel Hebräisch lieben lernte und es zu seiner Sprache machte. Deutsch und Hebräisch: Muttersprache und Stiefmuttersprache.«Es ist eine alte Sprache,» sagt Appelfeld, «die viel Schweigen in sich birgt. Kurze Sätze, sehr kurze Sätze und dann viel schweigen. Das hat eine ganz eigene Musik.»

Mit der Zeit beginnt er, Deutsch, die Sprache seiner Mutter, die auch die Sprache ihrer Mörder war, zu vergessen. «Die Sprache meiner Mutter und meine Mutter wurden eins. Als nun ihre Sprache in mir verlosch, spürte ich, dass meine Mutter ein zweites Mal starb.»

Wie Imre Kertész hat auch Appelfeld seine literarische Sprache radikal entschlackt. Kein Dekor, kein überflüssiges Wort. «Wer im Ghetto, im Lager, in den Wäldern war, kennt das Schweigen von seinem Körper», sagte er einmal in einem Interview. «Der Hunger nach Brot, der Durst nach Wasser, die Angst vor dem Tod machen alle Worte überflüssig. Wer bei Verstand war, schwieg.»Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen ist vieles in einem: die berührende Geschichte einer Flucht; ein Blick auf die Demarkationslinien im israelischen Unabhängigkeitskrieg; die Konflikte zwischem altem Judentum und neuem Judentum, alter Sprache und neuer Sprache. Und nicht zuletzt erzählt Appelfelds Roman von der Geburt eines Schriftstellers, umgeben vom Schönsten und Tragendsten zweier Sprachen.