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Adam Haslett: Hingabe

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski; Beowulf Sheehan (Autorenfoto)

Als Adam Hasletts Erzählungsband in den USA erschien, löste er ein begeistertes Echo bei den Kritikern der wichtigsten Zeitungen und Magazine aus: «Ungeheuer bewegend … Haslett schreibt erschütternd, makaber komisch und unheimlich erotisch.» (Independent on Sunday) «Erschreckend zärtlich ... biegsam und von schmerzhaftem Ernst.» (The Boston Globe) «Faszinierend. Haslett ist ein so eleganter wie präziser Miniaturist.» (The New Yorker) «Spektakulär! Kaufen Sie dieses Bch, lesen und bewundern Sie es. Der Vorbote einer phänomenalen Karriere.» (The New York Times Book Review)

Mit Tabletten gegen die Schrecken der Welt

Wie seltsam! Man liest diese neun Erzählungen mit wachsender Begeisterung hintereinanderweg, dabei ist jede auf ihre Weise ziemlich düster, und richtig psychisch gesund ist auch kaum eine der handelnden Personen. Da ist gleich die erste Geschichte Anmerkungen für meinen Biographen über den erfolgreichen Erfinder Frank Singer («sechsundzwanzig Patente angemeldet, drei Frauen geheiratet, alle überlebt»), von ihm selbst erzählt. Auf der Flucht vor der Steuerfahndung besucht er seinen Sohn Graham, erfindet dort rasch mal ein Fahrrad, das die beim Bergabfahren gewonnene Energie speichert und beim Bergauffahren nutzt, fast ein Perpetuum mobile also, bestellt begeistert gleich eine Kiste Champagner, und langsam dämmert es einem: Der Mann ist durchgeknallt.

Tatsächlich muss er seit Jahren Tabletten nehmen, was man fast überlesen hat. Nur hat er die seit kurzem abgesetzt, bringt seinen Sohn in eine peinliche Situation nach der anderen und schließlich zu einem herzzerreißenden Zusammenbruch. Denn um nicht so zu enden wie sein Vater, versucht Graham, seine eigene manisch-depressive Krankheit tapfer mit Tabletten in Schach zu halten und sein kleines Glück zu retten.

Autoreninfo

Adam Haslett, geboren 1970, studierte Literatur und Jura in Yale, Swarthmore und an der University of Iowa. Sein viel gepriesener, in fünfzehn...
mehr über den Autor
Philosophie & Pharmazie

Lustig ist das nicht, aber immer wieder doch sehr komisch. Gemütlich ist keine der Geschichten; sie bedienen nicht einmal das gemütliche Elendsklischee: Die Welt ist schlecht, und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Zum Beispiel der leicht angeknackste Psychiater («Hätte er nicht so viele Patienten gehabt, deren Liebesleben noch verzweifelter war als sein eigenes, hätte er sich für anormal gehalten»), der in der gottverlassenen Provinz Patienten, die nicht mehr zum Arzt gehen, aufsucht, um ihnen mit verständnisvollem Zuhören zu helfen. Der gute Doktor, so der Titel, begegnet allerdings in der vom Leben gebeutelten Mrs. Buckholdt seiner Meisterin und muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Sie will kein Gelaber, sondern Pillen!

Oder da ist der junge Mann, der seine eigene Krankenakte («bipolare Störungen») liest, zu der auch mehrere Interviews gehören, die er für sein Projekt «über die Sehnsucht junger Männer nach Philosophie» gemacht hat. Und die sind, wie man sich denken kann, einigermaßen absurd. Dabei hatte er, im Grunde ganz vernünftig, nur «mehr über das Verhältnis zwischen dem Verlangen nach theoretischem Wissen und bestimmten Arten von Verzweiflung herauskriegen» wollen.

Eben das ließe sich als Leitmotiv über Adam Hasletts gesamte Geschichten stellen, nur dass die natürlich keine Theorie sind, sondern Literatur. Literatur allerdings, die auf erstaunlich viel Wissen gegründet ist und die unterschiedlichsten Verzweiflungsvarianten durchspielt. Manchmal geschieht das auf brutal harte Weise und fängt so an: «Ein Jahr nach dem Selbstmord meiner Mutter brach ich das Versprechen, das ich mir selbst gegeben hatte, meinen Vater nicht mit meinen Sorgen zu belasten.» Woraufhin der Vater am nächsten Tag und nur drei Sätze später bei einem Verkehrsunfall stirbt. Manchmal aber auch vollzieht sich ein Drama so leise, dass man es fast nicht bemerkt hätte. Wie in der zarten Erzählung von Owen und Hillary, einem zusammenlebenden Geschwisterpaar, das einst denselben Mann liebte. Es ist eine fast altmodische Geschichte über heimliche Sehnsucht, Eifersucht und stillen Verzicht.

Im tiefsten Inneren verstört

Wieso der relativ junge Autor, Jahrgang 1970, sich so verblüffend gut in den seelischen Abgründen von Krankheit, Liebe und Sex auskennt, ist ein Rätsel. Wieso man seine Geschichten so fasziniert liest, aber nicht. Je mehr man in all diese Verstörten, still oder lauthals Verrückten hineinschaut, desto natürlicher erscheinen sie einem.

Dabei geraten die eigenen Vorstellungen von gesund und krank, normal und nicht normal zunehmend ins Wanken. Denn Haslett beschreibt die Welt dieser Frauen und Männer, Schwulen und Heteros, Jungen und Alten weder mitleidig noch amüsiert, sondern unterkühlt sachlich und ohne jeden falschen Ton. Er ist differenziert und braucht doch nicht viele Worte. Manch eine Geschichte wirkt nach der Lektüre viel länger, als sie in Wahrheit ist, so als hätte man mehr gelesen als dasteht. Wie japanische Papierblumen im Wasserglas dehnen und entfalten sich seine Worte erst im Kopf. Mit Recht wird den angelsächsischen Meistern dieser literarischen Form nachgesagt, dass ihre Storys verkappte Romane sind, nur nicht so lang und so umständlich. Adam Haslett ist so ein Meister.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autorin: Christel Dormagen)