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Abtprimas Notker Wolf: Wohin pilgern wir?

© Arne Weyhardt


  

Kann man sich den Glauben erwandern? Kann man auf einer Pilgerfahrt Gott ganz unbeabsichtigt begegnen? Warum nehmen so viele Menschen die Mühsal und die Schmerzen einer Pilgerfahrt auf sich? Was steckt hinter der Pilgerei – Neugier, Abenteuerlust oder Frömmigkeit? Was ist von der Reliquienverehrung an berühmten Pilgerstätten zu halten? Und: Ist das Leben nicht selbst eine Pilgerreise? Abtprimas Notker Wolf geht in seinem neuen Buch dem Geheimnis des Pilgerns auf den Grund. Auch wenn er selbst noch immer davon träumt, einmal selber den Jakobsweg nach Santiago de Compostela zu bewältigen, ist er mit der Thematik in vielerlei Hinsicht vertraut. Sein Pilgerbuch ist geistreich, informativ und charmant – anregungsreich für gläubige wie nichtgläubige Suchende.

Der Münchner Merkur nennt ihn «einen Menschenfreund, der ohne Scheu klare Worte spricht»: Abtprimas Notker Wolf: Philosoph, Rockmusiker (mit einem Faible für AC/DC!) – und seit 2000 höchster Repräsentant des Benediktiner-Ordens mit seinen 800 Klöstern und Abteien weltweit und Verantwortlicher für die Hochschule und das Kolleg von Sant’ Anselmo. In seinen Büchern nimmt der streitbare Kirchenmann kein Blatt vor den Mund. Trotz aller klaren Worte sind seine Texte Besinnungsbücher, keine Kampfschriften. Stets spürt man die geistige Unabhängigkeit eines Mannes, der geistliche Aufgaben mit vielerlei Managementpflichten zu vereinbaren hat.

Die Sehnsucht braucht einen Ort im Diesseits

Einige Denkanstöße, die der Abtprimas seinen Lesern mit auf den Weg gibt:

Suchen und Finden. Der größte Unterschied zwischen Früher, der Blütezeit der mittelalterlichen Pilgerei, und Heute scheint mir der zu sein: Heute steht im Vordergrund die Suche – früher die Gewissheit, zu finden. Und das ist merkwürdig. Denn was läge uns heute ferner, als unsere kostbare Zeit mit Suchen zu verschwenden? Fällt denn die Suche – umständlich und zeitraubend, wie sie ist – dieser Tage nicht dem Ideal der Mühelosigkeit zum Opfer? Suchen – wozu? Es ist praktisch unmöglich geworden, seinen Bestimmungsort zu verfehlen. (…) Jede Suche lässt sich abkürzen, und Informationen erhalten wir auf Knopfdruck. Eigentlich leben wir in einer Welt, in der sich niemand mehr mit Suchen aufhalten will – und dank des technischen Fortschritts auch nicht mehr aufzuhalten braucht.

Pilgern und Wandern. Wie seit tausend Jahren und mehr geben die Heiligen auch heute noch die Pilgerziele vor, und das, obwohl mitunter ernsthafte Zweifel angebracht sind. Wer möchte zum Beispiel darauf wetten, dass im spanischen Santiago de Compostela tatsächlich der Leichnam des Apostels Jakobus liegt? (…) Dennoch – und das ist die nächste Merkwürdigkeit – erfüllen die Heiligen nach wie vor einen Zweck. Denn ohne Heilige gäbe es keine Pilgerziele, und jeder Pilgerer, ob gläubig oder nicht, bewegt sich auf einen Heiligen zu … Und diese zielgerichtete Bewegung, dieses Verfolgen eines vorgegebenen, nicht selbst gewählten Ziels, unterscheidet das Pilgern grundsätzlich vom Wandern.

Pilgern und Bewegung. Seit alter Zeit und nicht allein im Christentum geht die Anbetung Gottes mit Bewegung einher, vollzieht der Körper mit, was in der Seele vor sich geht. In jeder dieser Bewegungen, von der kurzen Verbeugung unserer Mönche am Ende eines Psalms im Chorgebet bis zum Stationsgottesdienst, der durch halb Rom führt, erblicke ich eine Frömmigkeit des Körpers – und damit Vorstufen des Pilgerns.Und so wie diese körperlichen Ausdrucksformen für religiöse Regungen der Seele über die ganze Erde verbreitet sind, kennt auch das Verlangen, heilige Orte aufzusuchen, keine kulturellen Grenzen. Ja, fast sieht es so aus, als sei die Pilgerreise das eigentliche gemeinsame Merkmal aller großen Religionen dieser Welt, so unterschiedlich sie sonst sein mögen.

Autoreninfo

Notker Wolf OSB, Dr. phil., geboren 1940 in Bad Grönenbach im Allgäu, studierte Philosophie und Theologie in Rom und München. 1961 trat er in die...
mehr über den Autor
Ruhe, Ehrfurcht, Sinn für Schönheit

Glauben erlaufen? Kann man sich den Glauben also doch erlaufen? Den Glauben vielleicht nicht, würde ich sagen, aber einen Glauben bestimmt. Ich will zwar nicht ausschließen, dass der eine oder andere, der mit Kirche und Gott gebrochen hat, am Ende seiner Pilgerreise tatsächlich zum einfachen Glauben seiner Kindheit zurückfindet oder zu neuen Einsichten über Wahrheit und Wert des Glaubens erlangt. Die meisten jedoch dürften den Erfolg ihrer Pilgerfahrt nicht als Bekehrung oder Läuterung im christlichen Sinne beschreiben, wohl aber gern bestätigen, dass sie innerlich beruhigt oder gestärkt von ihrer Reise zurückgekehrt sind.

Kitsch, Kommerz und wahre Wunder. Wallfahrtsorte sind heilige Stätten? Stätten der Hoffnugn? Aber geht es mitunter nicht doch zu weit, was einem Besucher da so alles zugemutet wird? Diese Mischung aus Andacht und Kommerz, der fromme Trubel, der religiöse Kitsch, dazu so manche haarsträubende Legende, die sich um einen Ort, einen Heiligen rankt – das strapaziert den Glauben nicht weniger als den Verstand. Und etliches davon verdient schlicht und ergreifend als fauler Zauber bezeichnet zu werden. (…) Doch liegen derlei Scharlatanerien nicht in der Natur der Sache? Gehört das nicht von Anfang an zum Betrieb eines Pilgerortes dazu – das einträgliche Geschäft mit der Hoffnung, der florierende Handel mit Wunschträumen, die phantasievolle Befriedigung frommer Sensationslust? Ist hier überhaupt eine klare Grenze zwischen Glaube und Magie, Frömmigkeit und Aberglaube, Verheißung Täuschung zu ziehen? (…) Da gibt es nichts, was es nicht gibt, und als junge Theologiestudenten haben wir ordentlich darüber gelästert.

Der Blick nach innen, der Blick nach außen. Pilgern schärft nicht nur den Blick nach innen. Wer längere Zeit unterwegs ist und wechselnde Landschaften zu wechselnden Tageszeiten in wechselndem Licht erlebt, wer plötzlich über einem Flusstal steht oder auf ein Gebirgspanorama zuläuft, der lernt auch, wieder zu sehen und zu hören. Der gewinnt die Fähigkeit zurück zu staunen, sich beeindrucken zu lassen, und wird dann angesichts der Schönheit der Schöpfung – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – so etwas wie Ehrfurcht verspüren.