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8 Fragen an Siegfried Schmidt-Joos

© picture-alliance/photoshot (dpa/photoshot)

Ein halbes Jahrhundert Rockmusik und der Sound dieser Zeit: Rock 'n' Roll und Punk, Rhythm & Blues und Grunge, Jazz Rock und Britpop, Country und Folk, Metal und Disco, Drum 'n' Bass und HipHop, Crossover, Lo-Fi, Industrial etc. Die Legende lebt: das Rock-Lexikon, "ein bahnbrechendes Standardwerk" (Der Spiegel), "von unübertroffenem Nutzwert" (Die Zeit).
Nun erscheint die vollständig übrarbeitete und erweiterte Neuausgabe des Klassikers. Grund genug, Herausgeber Siegfried Schmidt-Joos ein paar Fragen zu dem Rock-Evergreen zu stellen.

When I'm sixty-four ...

1. Man schaut ins Impressum des ROCK-LEXIKONS (2200 Seiten, zwei Klötze von Buch) und erstarrt: 1. Auflage 1973. Wie lange ist das denn her?! Willy Brandt Bundeskanzler, der erste Geldautomat patentiert, Nixons Watergate – und AC/DC wurde gegründet, quasi als Silvesterscherz am letzten Tag des Jahres. Woran denken Sie, wenn Sie sich an die Stunde Null des Rock-Lexikons erinnern?
Zuerst das Erstaunen, dass es vor uns nichts Vergleichbares gegeben hat. Die amerikanische "Rock Encyclopedia" (1969) von Lillian Roxon war völlig unzureichend, da sie nicht mal Geburtsdaten nannte und auch sonst kaum über die Waschzettel der Plattenfirmen hinausging. Dann die Euphorie einer solchen Stunde Null. Wir erwarben mit dem "Rock-Lexikon" für eine ganze Gattung von Musikbüchern sozusagen das Erstgeburtsrecht. Die Rezensionen waren dann ja auch ausschließlich positiv.

2. Bei manchen Rock-Revivals fragt man sich als erstes: Wie, der lebt noch? Mick Jagger ist 65 und wird als Rolling Stone über die Bühnen dieser Welt springen, bis der Rollator oder der Tod uns scheidet. Können Sie überhaupt noch ohne massiven Ironieeinsatz auf die agilen Altrocker von Led Zeppelin, Police, Genesis, Colosseum etc.pp. blicken?
Ironie wäre nur angebracht bei Bands, die sich in lustloser Repetition ihrer Oldies erschöpfen, bei den fünf Genannten ganz sicher nicht. Über The Police hieß es beispielsweise unlängst in der "Welt", sie seien "als Monolith" zurückgekehrt: "Wenn sich die Veteranen dabei nicht so sehr als Mythen, sondern als Musiker betrachten, sind sie immer wieder herzlich eingeladen." Nicht wenige von ihnen sind mit den Jahren nicht nur reifer, sondern auch noch besser geworden. Man denke nur an die grandiosen Alterswerke von Bob Dylan ("Modern Times"), Johnny Cash ("American Recordings"), Warren Zevon ("The Wind"), Kris Kristofferson (This Old Road"), Neil Diamond ("12 Songs") und so fort.

3. Nach welchen Kriterien haben Sie damals mit Barry Graves Bands und Einzelinterpreten für das Rock-Lexikon ausgewählt - oder eben auch für zu nichtig gehalten?
In allererster Linie aus dem Bauch. Ins Buch kam, was wir für wichtig hielten. Kriterien waren dabei neben der künstlerischen Überzeugungskraft vor allem Originalität, Vitalität und Plattenerfolg. Eine Reihe von Hit-Singles und/oder LPs sollten die Bands schon veröffentlicht haben, ehe wir sie als lexikontauglich empfanden. Nur einmal haben wir eine Band nach nur einer LP ins Buch aufgenommen: "The United States Of America" (1968). Sie ist bis heute die Einzige geblieben.

The Best Is Yet To Come

4. Einem Ausriss aus der BZ vom Juli 1991 zufolge erfährt man nicht nur, dass Sie ein Faible für Sauerbraten, Ibiza und jiddische Witze haben, sondern dass Ihre „bevorzugte Musik“ von Frank Sinatra stammt. Das ist für einen Alt-Rocker wie Sie eher überraschend, oder?
Ich war bereits Sinatra-Fan, bevor Bill Haley mit "Rock Around The Clock" ins Studio ging. Sein "The Lady Is A Tramp" traf mich während der Pubertät, in der man für Idole besonders anfällig ist. Rückblickend kann ich sagen, dass es im Sinne eines Fans, der alles an Platten, Büchern, Informationen aller Art über seinen Helden sammelt, keine weiteren Idole für mich gab. Allenfalls Bob Dylan kam noch in diese Nähe. Dem Rest der Rock-Elite habe ich mich bei aller temporären Begeisterung als Journalist stets nüchterner, sozusagen auf Augenhöhe genähert, was dem "Rock-Lexikon" sicher gut bekommen ist.

5. Wie war das für Sie, als mit Punk oder später Hip-Hop neue Musikstile aufkamen, die mit Macht ins Rock-Lexikon drängten? Mitunter wurde Ihnen und Graves eine zu lange Reaktionszeit auf neue Phänomene, Stile, Gruppen vorgeworfen …
Siehe Punkt 3. Auf kurzlebige Hypes sind wir niemals hereingefallen. Wenn wir von der Bedeutung einer Band noch nicht überzeugt waren, konnten wir gut abwarten, auch wenn die Branchen-Magazine diese Band bereits auf dem Cover hatten. Dafür mussten wir aber auch keine einzige Band wegen nachgewiesener Bedeutungslosigkeit wieder rausschmeißen. Im Falle Punk, der 1976 aufkam, war der Vorwurf einer zu langen Reaktionszeit der Autoren besonders lächerlich, weil zwischen 1975 und 1990 gar kein aktualisiertes "Rock-Lexikon" erschienen ist. Und 1990 waren die Sex Pistols, The Clash, The Damned, The Ramones etc. selbstverständlich drin.

6. Wofür stand der 1994 an Aids verstorbene Barry Graves als Musikkenner und Rock-Lexikon-Herausgeber?
Dazu ein paar Sätze aus dem Vorwort der neuen Ausgabe: "Barry Graves war ein Glücksfall. Er war genialisch und schwierig, aber er hatte drei wesentliche Voraussetzungen mit dem damaligen ´Spiegel`-Redakteur Schmidt-Joos gemein: den Informationsstand, den distanzierten, gesellschaftskritischen Ansatz, den Stil ... Jeder Artikel wurde vom Partner gegengelesen und, so nötig, redigiert. So entstand ein Lexikon aus einem Guss." Dem möchte ich hinzufügen: Barry war ein Mann, der die Sänger und Musiker liebte und sie verstand. Ich bin sehr glücklich, dass dies für Wolf Kampmann heute ebenso zutrifft.

Papa Was A Rolling Stone

7. Ich versuche mir, Ihre Wohnung vorzustellen. Bild Nr. 1: Meter-, nein, kilometerlange Regalbretter voll mit zigtausend LPs (Kassetten und CDs ignorieren wir mal gnädig). Bild Nr. 2: Ein großes Zimmer voll mit Büchern, ein paar bequeme Sessel … und eine iPod-Station samt exquisitem Kopfhörer. Womit liege ich falsch?
Mit Bild 2. Bild 1 können wir noch etwas schärfer bekommen: In den Regalen und Bücherschränken von vier Räumen rund 65 Meter Langspielplatten, 90 Meter CDs und 75 Meter Fachbücher (die ganze Belletristik nicht gerechnet).

8. Sie kennen, gemessen an Ottonormalhörer, unfassbar viel Musik aus dem Großbereich Rock/Pop/Blues. Auch wenn es ein vermessenes Anliegen ist: Würden Sie für uns rund 20 absolute Siegfried-Schmidt-Joos-Lieblingstitel auflisten, wie sie auf eine Best-of-CD passen würden – egal ob Mainstream oder unbekannt, entlegen oder verwegen?
Etwas schwierig, da meine Lieblingstitel nach Zeit und Stimmung wechseln. Ich versuche mal eine halbwegs objektive Momentaufnahme auf zwei CDs, die erste eher Blues/R&B, die zweite eher Rock/Pop.

..........................................CD I..........................................

Betty Roche´: Trouble, Trouble
Eric Burdon & War: Blues For Mother Earth
Aretha Franklin/ Ray Charles: Spirit In The Dark (Live at Fillmore West)
Sammy Davis jr.: Blues For Mister Charlie
Muddy Waters: Hoochie Coochie Man
Bessie Smith: Do Your Duty
LaVern Baker: Gimme A Pigfoot
Lou Rawls: In The Evening When Your Lover´s Not Around And You Don´t Get No
Soul Food Don´t You Get Sick (live)
Jennifer Holiday: And I´m Telling You I´m Not Going
Bob Marley: No Woman No Cry
Etta James: Sugar On The Floor
The O´Jays: Don´t Call Me Brother If You Don´t Respect My Woman
Marvin Gaye: Inner City Blues
Jimi Hendrix: Voodoo Chile
Ann Peebles: I Can´t Stand The Rain
Barry White: You´re My First, My Last, My Everything
The Temptations: Papa Was A Rolling Stone (long version)
Gloria Gaynor: I Will Survive
Bill Withers: Ain´t No Sunshine When She´s Gone
Stevie Wonder: You Haven´t Done Nothing

..........................................CD II..........................................

Frank Sinatra: The Best Is Yet To Come ( and all the rest)
Carl Perkins: Blue Suede Shoes
Lou Reed: Take A Walk On The Wild Side
Steve Miller Band: Fly Like An Eagle
Paul Simon: Ace In A Hole
Bob Dylan: Gotta Serve Somebody
Bobby Darin: Mame
Eva Cassidy: Over The Rainbow (long version)
Tony Joe White: They Caught The Devil And Put Him In Jail In Eudora, Arkansas
Graham Parker: Don´t Ask Me Questiones
Merry Clayton: Imagine
The Rolling Stones: You Can´t Always Get What You Want
Barbra Streisand: Don´t Rain On My Parade
Simon And Garfunkel: Keep The Customer Satisfied
Van Morrison: T.B. Sheets
Rod Stewart: The First Cut Is The Deepest
James Taylor: Fire And Rain
Nirvana: Smells Like Teen Spirit
Nat "King" Cole: Nature Boy
Kanye West: My Way Home

Siegfried Schmidt-Joos, Wolf Kampmann rororo 1040 S.

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