![]()
Als Drehbuchautor von Good Bye, Lenin! heimste er 2002 und 2003 höchste Preise ein, bevor er bei Rowohlt 2005 sein Prosadebüt gab – Bernd Lichtenberg, zu dem die Neue Zürcher Zeitung notierte, er schreibe «ganz anders und ganz hervorragend». Mit dem in Köln und Berlin lebenden Autor haben wir über seinen im März erschienenen ersten Roman Die Kolonie der Nomaden gesprochen – und über seinen Weg dorthin ...
Eine Frage vorweg zur Verortung des Autors Bernd Lichtenberg: Sie leben, wie man liest, abwechselnd in Köln und Berlin. Wie lebt es sich zwischen Rhein und Spree, Hertha und FC, rheinischem Frohsinn und Berliner Schnodderschnauze?
Ich liebe sowohl Köln als auch Berlin und genieße es, zwischen alter und neuer Heimat zu pendeln. In Köln habe ich das Gefühl jeden Stein zu kennen, in Berlin gibt’s noch mehr zu entdecken. Das hat beides seinen Reiz. Und eigentlich finde ich die Atmosphäre in beiden Städten auch gar nicht so grundverschieden.
In Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen lesen wir in der Geschichte Affäre einen Satz, ausgesprochen von einem Jungen, der die Trümmer der elterlichen Ehe zu begreifen und einzuordnen versucht: «Ich kam zu dem Schluss, dass die Fähigkeit, mit Geduld und einer abwartenden Haltung den Katastrophen der eigenen Umgebung stoisch entgegenzutreten, am Ende doch die lange im Kopf aufbewahrten und mühsam durch die Phantasie vor Verzerrung geschützten Glücksvorstellungen einzulösen half.» Das klingt wie ein Stück Lichtenberg’sche Weltsicht, es könnte als Motto auch über Ihrem vor wenigen Wochen erschienenen Roman Kolonie der Nomaden stehen ...
So stoisch und geduldig sind die Figuren in Kolonie der Nomaden nicht. Die «strampeln» sich ja ziemlich ab, machen sich Gedanken und Sorgen. Sie sehen sich fortwährend einem Druck ausgesetzt, ohne zu begreifen, dass sie letztendlich es selber sind, die den Druck erzeugen. So sehr haben sie die vermeintlichen Ansprüche ihre Umgebung und der Gesellschaft schon verinnerlicht. Sie unterstellen sich gegenseitig Erwartungen, die wahrscheinlich gar nicht einmal so da sind. Letztlich werden sie durch Angst bestimmt. Sie hoffen und sehnen nach einer Befreiung. Es ist ihnen z. B. nicht möglich, wie es im Roman heißt, «die Stille zu akzeptieren, sich einfach davon tragen zu lassen, statt panisch, mit fuchtelnden Armen darin zu ertrinken».
Familiengeheimnisse lautet der Titel der ersten Geschichte Ihres Kurzgeschichtenbandes; um Familiengeheimnisse dreht sich auch alles in der Kolonie der Nomaden. Die Not- und Lebenslügen, die labyrinthischen Ausflüchte, der Zwang zur Maskerade, der verlogene Schein des Erfolgs, all die kleinen Geheimnisse und Heimlichkeiten, das dauernde Aneinandervorbeireden, aber eben auch die Möglichkeit des Neuanfangs, wenn Unvorhergesehenes geschieht – macht das für Sie Familie zu dem literarischen Thema schlechthin?
Mich interessieren die Gefühle in dem Mikrokosmos Familie, der ja die kleinste und intimste Zelle der Gesellschaft ist. Mich interessieren die Ängste, die dort Lügen entstehen lassen, selbst vor denen, denen man sich am nächsten wähnt. Dabei geht es mir in Kolonie der Nomaden noch nicht mal um die großen Lügen, sondern eher um die kleinen, lächerlichen. Mich interessiert aber auch, wie sich Familien auf etwas einschwören, auf Orte, Erinnerungen, Rituale, diese seltsame Sentimentalität die einerseits schön ist und doch als emotionaler Magnet so hinderlich, etwas Neues zu wagen. Die Blockaden, die entstehen, wenn man von etwas nicht loslassen kann, die Panik, etwas oder jemanden zu verlieren. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Protagonisten meines Romans Veränderung und letztlich den Tod im Leben nicht akzeptieren. Dass manche sich festhalten an Lebensentwürfen, die vielleicht gar nicht mehr die eigenen sind, weil sie zu feige sind, den Schmerz des Loslassens auszuhalten.
Johannes und Marianne, Paul und Andreas – Verschwiegenes und Verdrängtes, wohin das Auge blickt. Zu einem Ende mit Schrecken kommt es dennoch nicht. War Ihnen von Anfang an klar, dass diese Geschichte ein eher unspektakuläres, ja versöhnliches Ende finden würde, oder hat sich die Geschichte selbst dieses stille Finale gesucht?
Stilles Finale? Na, ich weiß nicht. So still ist das Ende nun wirklich nicht, aber das darf ich hier nicht verraten. Schließlich ist etwas ganz Ungeheuerliches geschehen. Etwas, das doch einen bösen Schatten wirft über all die, die ihr Leben so scheinbar versöhnlich weiterleben. Da taucht Gewalt auf, die aus einer anderen Welt in die Unsere knallt, eine Provokation, und wir wissen nicht, ob die Saat einer solchen Gewalt, oder einer ähnlichen, nicht auch bei unseren Hauptfiguren keimt. Und doch, es stimmt: am Ende gibt es die Hoffnung auf einen Neuanfang. Die ist wirklich ganz unspektakulär und heißt: endlich mal loslassen, endlich mal entspannen, endlich mal tief durchatmen. Aber niemand kann sagen, wie lange sie währt.
Sie wurden als Drehbuchautor einem breiten Publikum bekannt, für Good Bye, Lenin! erhielten Sie den Deutschen Drehbuchpreis 2002 und den Europäischen Filmpreis in der Kategorie «Bestes Drehbuch». Wie wichtig war für Sie die Zusammenarbeit mit Regisseur Wolfgang Becker – und was bedeutete der immense Erfolg von Film und Drehbuch für Ihre Perspektive als freier Autor?
Eine gute Zusammenarbeit und Vertrauen ist enorm wichtig, beides war mit Wolfgang Becker vorhanden. Der Regisseur bündelt die künstlerischen Visionen. Ein Drehbuch ist eben kein Endprodukt, sondern die Vorlage für ein Kunstwerk, an dem viele Menschen weiterarbeiten. Zur zweiten Frage: Der Erfolg des Filmes hat mir vieles leichter gemacht. Aber er setzt einen auch unter Druck. Damit muss man erstmal umgehen lernen.
Macht es – handwerklich betrachtet – für Sie einen großen Unterschied, an Drehbuchszenen zu feilen, Kurzgeschichten zu schreiben oder Romankapitel zu bearbeiten? Schließlich sind die 21 Kapitel von Kolonie der Nomaden jeweils kaum länger als eine Drehbucheinstellung, was dem Roman einen enormen Sog gibt: filmschnittartige Episoden, die, wie die FAZ schreibt, eine «thrillerhafte Spannung» aufbauen …
Das ist schon ein Unterschied und jedes Schreiben für sich ist neu und anders. Die Herausforderung beim Drehbuchschreiben ist ja meist, eine Geschichte von außen, visuell und durch die Handlungen der Figuren zu beschreiben. Diese Beschränkung – die auch sehr reizvoll sein kann – habe ich beim literarischen Schreiben nicht. Da kann ich eine Geschichte aus dem Fluss und dem Rhythmus der Sprache entwickeln lassen, kann in die Gefühle und Gedanken der Figuren eintauchen.
Dass die Form meines Romans so ist, wie sie ist, hat aber mit der Entscheidung zu tun, das Geschehen aus vier verschiedenen Perspektiven zu erzählen. In einer Parallelmontage entwickelt sich so die Geschichte, innerhalb eines Tages und einer Nacht. Und endet am frühen Morgen, an dem alle vielleicht ein bisschen anders auf die Welt und ihr Leben blicken.
Dürfen wir abschließend noch einen Blick in die Lichtenberg’sche Schreibwerkstatt werfen: An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit? Was erwartet Lichtenberg-Leser demnächst?
Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Da sind alte und neue Ideen in meinem Hinterkopf, aber entschieden ist noch nichts. Aus meiner Erfahrung findet sich das auch erst beim Schreiben selbst. Ob eine Vision soweit trägt, dass ich leidenschaftlich Wochen, Monate oder Jahre mit ihr verbringe. Ich bin selbst gespannt und freu mich darauf.