Sie haben soeben ein Buch in den Warenkorb gelegt.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Denis Johnson: Ein gerader Rauch

© picture-alliance/dpa, dpa-Report

Als im Mai 1975 der letzte Hubschrauber vom Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon abhob, war eine Niederlage besiegelt, die Amerika in ein tiefes Trauma stürzte. Von Graham Greenes «Der stille Ame­ri­kaner» bis zu Coppolas «Apocalypse Now» hat es seitdem in Literatur und Film zahlreiche künstlerisch seriöse Versuche gegeben, dies Trauma zu bewältigen.
Denis Johnsons wuchtiges Epos Ein gerader Rauch steht zwar in dieser Tradition und spielt auch auf zahlreiche ihrer einschlägigen Motive an, demonstriert jedoch zugleich die Mechanismen, die aus der irrsinnigen Realität des Vietnamkriegs einen Mythos gemacht haben. Wenn es in diesem an klugen und nachdenklichen Sätzen reichen Roman eine zentrale Aussage gibt, wäre es deshalb diese: «In puncto Wirklichkeit befinden wir uns auf Messers Schneide. Genau da, wo sie sich in einen Traum verwandelt.»

Apocalypse Now

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Anwerbung eines vietnamesischen Doppelagenten durch eine CIA-Gruppe, angeführt vom ebenso intelligenten wie zynischen Colonel Sands, der eine Theorie entwickelt hat, wie Informationsströme zu manipulieren sind, um den Feind zu bestimmten gewünschten Reaktionen zu verleiten. Dieser skrupellose Charismatiker hat sich von Hierarchien und Befehlen seiner Behörde abgekoppelt und führt längst einen Krieg auf eigene Faust (und ähnelt nicht nur darin unübersehbar der mythischen Figur des Colonel Kurtz aus Coppolas «Apocalypse Now» bzw. Joseph Conrads «Das Herz der Finsternis»).

Gewalt sieht er als etwas «unausrottbar Menschliches» an, und Krieger hält er «für wundersam gesegnet». Zu seinen Agenten gehört auch sein Neffe Skip, den der Colonel, eigentlich im Bestreben, ihn zu schützen, immer tiefer in den Strudel der sich verselbständigenden Aktion reißt, in der die Grenzen zwischen Freund und Feind, Gut und Böse, Moral und Verrat verschwimmen. Skip «war in den Krieg gekommen, um zu erleben, wie Abstraktionen sich in Realitäten verwandeln. Stattdessen war es umgekehrt gekommen. Alles war nun abstrakt.»

Denis Johnson freilich gelingt es meisterhaft, den Irrsinn dieses Kriegs sinnlich zu machen und konkret zu fassen. Die fast 900 Seiten werden von gut einem Dutzend Hauptfiguren bevölkert, Krankenschwestern, GIs, Vietnamesen, Missionaren, angeheuerten Killern – Menschen, deren Lebensspuren und Schicksale sich kreuzen; und Nebenfiguren gibt es an die hundert. Johnsons Kompositionskunst ist es zu verdanken, dass der Leser, anders als manche Figuren, in diesem dschungelartigen Gewimmel nie den Überblick verliert.

ÜBER DEN AUTOR

geboren 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers, verbrachte seine Kindheit in Tokio und auf den Philippinen. 1969 erschien sein erster...
mehr über den Autor

 

Halluzinatorisch-klarer Blick auf das Trauma Vietnam

Hat man sich aber erst einmal auf das Abenteuer eingelassen, entwickelt es einen geradezu magischen Sog. Das liegt nicht zuletzt an Johnsons Sinn für Nuancen und Details, mit denen er die Atmosphäre Südostasiens zum Glühen und Dampfen bringt. Johnson, der auf den Philippinen aufgewachsen ist, hat in Vietnam aufs genauste recherchiert – dieser Autor kennt, was er beschreibt. Gleichwohl sind seine Beschreibungen der Massaker und Gemetzel, der Bars und Bordelle, der Dschungel und Sümpfe von plattem Realismus oder Kriegsjournalismus weit entfernt, weil sie einer Art halluzinatorischer Klarsicht unterliegen, die in der kruden Wirklichkeit den bösen Zauber erkennt: «Die Wahrheit liegt in der Legende.»

Ein gerader Rauch – der Titel entstammt der Bibel: «Und Ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und gerader Rauch» und dient als Codewort für die CIA-Operation mit dem Doppelagenten – wird nicht Amerikas letztes Wort in Sachen Vietnamkrieg gewesen sein. Es ist jedoch ein enorm kraftvolles literarisches Machtwort, das schwer zu toppen sein dürfte. Vergleichbar vielleicht nur Melvilles gigantischer Allegorie des «Moby Dick», der nicht zufällig zitiert wird, ist Denis Johnsons Roman eine Reise durch eine Hölle auf Erden: «In der Wahrheit des Krieges», so der Zyniker Colonel Sands, «erkennen wir, dass Macht uns Recht gibt.»

(Aus: Rowohlt Revue 86, Autor: Klaus Modick)