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Jule Mann: Es gibt viel zu tun, heften wir's ab

© fotolia.com; Jule Mann


  

Wir ahnten ja schon immer, dass es auf dem Amt etwas anders zugeht. Jetzt wissen wir es. Jule Mann ist versehentlich dort gelandet – und in eine wunderliche Welt aus staubigen Akten, Vierfachkopien und Kantinenspeiseplänen eingetaucht. Mit Galgenhumor und Gelassenheit hat sie versucht, ihre Arbeit zu machen. Um täglich aufs Neue zu scheitern. An ihrem Chef. An den «lieben Kollegen» und deren Slow-Motion-Tempo. An bizarren Ritualen und unfassbaren Hierarchiewegen. An vertrockneten Gummibäumen und explodierenden Kaffeemaschinen. Quasi an allem als. Lesen Sie selbst – mit schönen Grüßen vom Amt!

«Wenn ich nicht will, dass ich was tu, dann leit ich's einem andern zu …»

Schon der Verlauf des Einstellungsgesprächs im Konferenzraum B14/römisch III hätte bei Jule Mann (Achtung, Pseudonym!) sämtliche Alarmglocken schrillen lassen müssen. Vor ihr saß (mit halbstündiger Verspätung) eine achtköpfige Kommission, bestehend aus der Frauenbeauftragten, dem Behindertenbeauftragten, dem Abteilungsleiter, jeweils einem Ober-, Mittel- und Unterchef, dem Personalbeauftragten und dem «Herrn mit der Papageien-Krawatte (vermutlich der Krawattenbeauftragte)». Ein ziemlicher Aufriss zur Besetzung einer Sekretärinnenstelle.

Die Examinierung begann mit Fragen wie «Wissen Sie, was WORD ist?» und «Kennen Sie das Indernedd?», um langsam, aber sicher der Knallerfrage entgegenzutaumeln: «Können Sie uns sagen, wie die beiden Seiten eines Kontos genannt werden?». Und das bei einer ausgebildeten Sekretärin mit langjähriger Buchhaltungserfahrung! Selbst die patzige Antwort auf die 1-Million-Euro-Frage, was denn ein Amtsleiter wohl mache («Ein Amt leiten?»), zog nicht den Rauswurf wegen Aufsässig- und Respektlosigkeit nach sich, sondern: die Einstellung. Glückwunsch zum neuen Job!

Bereits nach einem Tag weiß Kollegin Mann, dass ihr neuer Chef ein Freund ausschweifender Erläuterungen ist. Das kann von Amtsinterna über Analysen des Fitnesszustands seines Lieblingsfußballteams bis zu prekären familiären Situationen reichen: Hauptsache, der Mann redet sich's vom Herzen. Wenig später ist dann auch schon Zeit für die Kantine, mit Wahlmöglichkeiten zwischen Fleischwursteintopf, Blutwurst/Püree/Apfelmus und dergleichen.

«Dringlich» heißt: morgen, übermorgen oder in drei Wochen

Was man beim Aufräumen nicht alles findet! Werbegeschenke von Unternehmen, die es seit mehreren Dekaden nicht mehr gab, eine Fußcremetube, diverse Maggibrühwürfel (mit unleserlichem Verfallsdatum), eine blickdichte Strumpfhose, ein Kunstblumengesteck mit Osterkörbchen aus graugrünem Plastik, ein halbvolles Päckchen Ernte 23-Zigaretten (11 Stück für 1 Mark), dazu Krümel aller Art, ein Wegwerfkalender von 1987: Es hatte sich so einiges angesammelt bei Frau Manns Vorgängerin. Hinweg damit!

Heikel, verwegen, geradezu gemeingefährlich war dagegen der Versuch der neuen VoZiDa (Vorzimmerdame), Ordnung in die dschungelartige Aktenwelt zu bringen. Es gab nichts, was es nicht gab: von leeren Ordner aus den frühen 60er Jahren mit der Aufschrift: Bitte aufbewahren! bis zu solchen, die mit dritten Kopien von dritten Kopien gefüllt waren. Und wehe, Kolleginnen wie das Brömmelchen («100 Prozent Polyester knistern bei jeder Bewegung») ertappten sie beim Entsorgen alter Besitzstände des Amtes! Wie heißt es so schön bei Wilhelm Busch: «Stets findet Überraschung statt,/ da, wo man's nicht erwartet hat.»

Beinahe täglich schärft sich Kollegin Mann das Überlebensmantra ein: Ich! Habe! Spaß! Aber wie soll man hier Spaß haben, wo der Wahnsinn Methode hat und die Idiotie wilde Triumphe feiert! Eingangsstempel, Ausgangsstempel, FKK (Förderung kommunaler Kommunalverwaltung), wertvolle antiquarische Buchbestände wie der «Kommentar zur Gebührenundsonstnochwasverordnung im öffentlichen Dienst für das Saarland mit Kommentar zur neuen Gebührenabgabenundsonstnochwasverordnung», 2. Auflage aus dem Jahr 1976, Weihnachtsfeiern, Geburtstagsfeiern («Senf oder Selters?») usw.usf. Willkommen in Absurdistan!