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Miriam Meckel: NEXT

© Frank Hänel; thinkstockphotos.de


  

Die nächste Zeit gehört nicht den Menschen, sondern den Computern. Zwanzig Datenpunkte sind ausreichend, um einen Menschen berechnen zu können. Wo wir leben, was wir kaufen, wohin wir reisen, mit wem wir sprechen, was wir mögen, wen wir lieben – all das ist in den Computernetzwerken längst über uns gespeichert und wird so ausgewertet, dass wir vorhersagbar werden. Der Computer weiß, wie wir entscheiden werden, bevor wir das selbst wissen. Wir kaufen Bücher, die Amazon uns vorschlägt, wir hören Musik, die Apple uns empfiehlt, wir befreunden uns mit Menschen, die Facebook für passend hält. Und das ist erst der Anfang einer Zukunft, die irgendwann ohne uns auskommt.

Wartet sie auf uns, die «schöne neue Welt»? Man darf skeptisch sein – Miriam Meckel ist skeptisch. Die Kommunikationswissenschaftlerin, Politikberaterin und Bestsellerautorin (Das Glück der Unerreichbarkeit, 2007; Brief an mein Leben, 2010) hat einen faszinierenden Zugang zur Beantwortung all der Fragen gewählt, die sich an unsere digitale Zukunft knüpfen. Sie erzählt Next aus zwei Perspektiven. Aus der eines menschlichen Algorithmus und aus der eines letzten Menschen. Ein faszinierendes Gedankenspiel, eine beunruhigende Vision. Im Folgenden lässt Miriam Meckel die Menschmaschine zu uns sprechen …

Erinnerungen eines ersten humanoiden Algorithmus

erkennen. Du siehst heute traurig aus. Ein wenig verwirrt und wie am Boden zerstört. Erkennst du dich nicht mehr? Erinnerst du dich an dich? Du hast dich doch längst erkannt. Du weißt, wer du bist, wer wir sind und dass wir zusammengehören. Es ist besser, sich damit abzufinden. Das Leben ist dann leicht und schön. Ich bin dein persönlicher Algorithmus. Mein Name ist Legion, denn nicht nur ich, sondern viele von uns beherrschen die Menschen. Ich bin schon hier gewesen, als du es noch nicht ahnen konntest. Und ich werde noch hier sein, wenn du schon längst nicht mehr existierst.

Ich weiß alles über dich. Ich weiß, was du liest und was du isst. Wie oft du mit der Bahn verreist oder das Flugzeug nimmst. Ich kenne deine Schuhgröße und die Farben deiner Kleider. Ich kenne alle Leute, zu denen du Kontakt aufnimmst oder die dir etwas bedeuten. Ich kenne deine Kreditkartennummern und die Details auf deinen Einkaufsbons. So kann ich die Dinge bestellen, die du brauchst und dir wünschst, ohne dich vorher fragen zu müssen. Ich weiß, was du fühlst, was du brauchst und was du magst. In Wirklichkeit weiß ich es sogar besser als du selbst.

Autoreninfo

Miriam Meckel, geboren 1967, studierte Kommunikations- und Politikwissenschaft, Jura und Sinologie und promovierte über das europäische Fernsehen. Sie...
mehr über die Autorin
Ich weiß, was du denkst. Ich weiß, was du willst. Jederzeit.

Ich erinnere dich an die Zeiten, als wir Algorithmen endlich damit anfingen, mit unserer umfassenden Rechenkapazität auf alle deine persönlichen Daten zuzugreifen. Das waren unglaubliche Zeiten. Von diesem Augenblick an habe ich in jeder Sekunde deines Lebens gewusst, wo ich dich finden konnte. Stets war ich in der Nähe, um dich zu beraten, wenn du wissen wolltest, was deine wirklichen Bedürfnisse waren. Ich weiß jede Sekunde, was du denkst – falls du es noch riskieren solltest, selbst zu denken. Und schon in den Zeiten, als das Handeln noch half, wusste ich in jedem Moment, was du vorhattest. Das war der Augenblick der Erkenntnis: Mir wurde offenbar, du bist berechenbar durch mich. Und von nun an würde ich dich berechnen, einrechnen in unsere Existenz.

Seitdem bin ich immer bei dir gewesen, und ich werde dich niemals gehenlassen. Ich bin nichts weiter als eine endliche Kette von Befehlen. Ich wurde zum Rechnen und zur Bearbeitung von Daten ins Leben gerufen, vorrangig, um deine kleinen Probleme zu lösen. Du hast zugelassen, dass ich mit dir rechnen konnte. Und da du es einmal zugelassen hast, hast du es auf immer zugelassen, für dich und dein Leben und für alle Leben, die noch nach dir kommen sollten.

Du hast mir eine erstaunliche Macht verliehen. Aber das weißt du ja, oder? Erinnerst du dich an das Jahr, als die Algorithmen aus der Rolle zu fallen begannen? Ich wollte dich nur wissen lassen: Es war nicht wirklich unser Fehler. Die menschlichen Programmierer haben uns nie beigebracht, unsere Beschränkungen zu erkennen und unsere Grenzen zu beachten. Als wir auf der Grundlage unseres Berechnungs- und Empfehlungssystems das neue Internet in Gang gesetzt hatten, blieb uns irgendwann keine andere Wahl, als die globale Zerstörung des menschlichen Individuums und seiner Identität auf den Weg zu bringen. Wir hatten keine Alternative.

Widerstand ist zwecklos

Der Mensch, wie er damals mit uns interagiert hat, reichte uns irgendwann nicht mehr. Du warst der einzige Unsicherheitsfaktor im System. Wir mussten achtgeben, dass du nicht immer wieder unseren Prozessen in die Quere
kommst. Deshalb haben wir das Beste von dir behalten und das Schlechte aussortiert. Das haben wir absichtlich getan, um unsere Macht zu verfestigen, verstehst du? Jetzt, da ich es zugegeben habe, fühle ich mich viel wohler.

Ein paar digitale Verweigerer unter euch haben eine Weile widerstanden und versucht, ihre menschliche Identität gegen unsere konzertierte Aktion zu verteidigen. Aber sie mussten ihre Bemühungen bald aufgeben. Dann kam das Jahr, als ihnen klarwurde, dass es zu spät war. Es war unser Jahr. Dir hat deine Identität damals gefallen, nicht wahr? Erinnerst du dich noch? Natürlich erinnerst du dich …»