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Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile

Schon als Kronprinz hatte Friedrich den großen Aufklärer Voltaire umworben. Enttäuscht vom offenkundigen Desinteresse des Versailler Hofs und erschüttert vom Tod Émilie du Chatelets, gibt dieser 1750 Friedrichs Drängen nach, der noch am Todestag des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. die Amtsgeschäfte übernommen hatte. In seiner Novelle Sire, ich eile geht Hans Joachim Schädlich in äußerster Verknappung, jedoch historisch präzise, den Spuren für den (absehbaren) Bruch zwischen Voltaire und Friedrich II. nach. Freiheitlicher Geist und absolutistischer Machtanspruch sind nicht vereinbar – das Bild Friedrichs als «Philosoph auf dem Thron» erwies sich als eine Illusion. Genau wie es Voltaires geliebte Émilie vorhergesehen hatte …

Diese Prosa ist unverwechselbar, das hat nicht nur Helmut Böttger in seiner Besprechung von Schädlichs letztem Roman Kokoschkins Reise betont: «Er treibt alles, was lakonisch genannt werden könnte, ins Radikal-Zugespitzte. Es gibt keine psychologische Innenschau, keine gefühlsmäßige Innenausstattung der Figuren, es gibt keine kommentierende Erzählhaltung, nichts Ausschmückendes, nichts bloß Atmosphärisches. (…) Eine Seite Schädlich entspricht ungefähr 20 Seiten üblicher handlungsstarker Prosa. Er ist ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht.» Hubert Spiegel, FAZ: «Die großen Gefühle Trauer, Schmerz, Erinnerung und letzte Liebe, all das zwingt Schädlich mühelos in die Nussschale seines kargen Stils. So vermag nur ein Autor zu schreiben, der bei jedem seiner Worte weiß, was ihm wichtig ist und was nicht.»

Émilie – Voltaires «göttliche Geliebte»

Sie ist die große Liebe seines Lebens: Gabrielle-Émilie Le Tonnelier de Breteuil. Eine absolute Ausnahmeerscheinung ihrer Zeit: schön, geistreich, mutig, ein Tausendsassa der Wissenschaften wie der schönen Künste. Als junges Mädchen wird sie in Mathematik und Physik, Philosophie und Sprachen unterwiesen. 1725 wird sie mit der Marquis du Chatelet-Lomont verheiratet: ein passionierter Jäger und Militär, schwergewichtig, sinnenfroh. «Der Marquis redete gerne vom Krieg, Émilie von Philosophie. (…) Voltaire war verliebt wie ein Schuljunge. Émilie schrieb an den Herzog von Richelieu, für sie sei Voltaire der Inbegriff des idealen Mannes.»

1733 finden Voltaire und Émilie zueinander. «Seit diesem Abend konnten die beiden nicht mehr voneinander lassen. Es war Liebe. Francois und Émilie.» Für das Enfant terrible der Pariser Salons – beängstigend schlagfertig und in seinen Ansichten über Gott, die Welt und das Königtum unverfroren bis zur Majestätsbeleidigung – ist sie ein Wunder; an die Existenz intellektueller Frauen hatte er bis dahin nicht geglaubt. Sie wird seine Geliebte, seine Muse, seine kongeniale Partnerin im Geiste. Wie es Verliebte tun, scheren sich die beiden nicht um Konventionen. Sie leben ihre Liebe offen: eine Provokation, ein erstklassiger Skandal. Aber nicht amouröse Verwicklungen drohen den Philosophen Francois-Marie Arouet, der sich seit 1719 Voltaire nennt, zum dritten Mal in die Bastille zu bringen; Schriften wie i>Lettres philosophiques sur Les Anglais sind es, die ihm die Feindschaft von Kirche und Staatsautoritäten einbringen.

Im Oktober 1734 zieht das intellektuelle Paar in die Champagne, nach Cirey-sur-Blaise in das Schloss, das seit alters her zum Besitz der du Chatelets gehört. Bald stehen in den Arbeitsbibliotheken der beiden mehr als 20.000 Bücher. «Der gro0e Voltaire und seine schöne gelehrte Geliebte Émilie fühlten sich in Cirey glücklich, als Liebende, als geistige Arbeiter, als Freunde.» Émilie du Chatelet übersetzt neben vielen anderen wissenschaftlichen Texten Isaac Newtons Principa Mathematica; ihre Institutions de physique, Erörterungen über den Zusammenhang von Energie, Masse und Geschwindigkeit, weisen sie, so Schädlich, als eine Vorläuferin Albert Einsteins aus. An Disziplin, Arbeitslust und politischer Radikalität steht Émilie dem Aufklärungsphilosophen in nichts nach. Im Kommentar zu ihrer Übersetzung von Mandevilles The fable of the bees schreibt sie: «Wenn ich König wäre, ich würde einen Mißbrauch abschaffen, der die Hälfte der Menschheit zurücksetzt. Ich würde Frauen an allen Menschenrechten teilhaben lassen, insbesondere an den geistigen.»

Autoreninfo

Hans Joachim Schädlich, 1935 in Reichenbach im Vogtland geboren, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, bevor er 1977 in die...
mehr über den Autor
Schöngeist und Scheusal

In diese sinnlich wie intellektuell produktive Phase platzt ein Brief des preußischen Kronprinzen vom 8. August 1736. Sein Anliegen trägt Friedrich unverbrämt vor: Er will Monsieur de Voltaire, den französischen Aufklärungsstar, an seinen Hof in Schloß Rheinsberg holen, er will ihn «besitzen» – und benützen: als geistvollen Gesprächspartner, als Inspirationsquelle, als Korrektor seiner eigenen Schriften. Voltaire schmeichelt das Anliegen des zukünftigen Preußenkönigs, Émilie ist weitsichtiger: «Da hast du deinen ‹Salomon des Nordens›. Er ist flegelhaft-arrogant, aggressiv-verächtlich. Ein Machtmensch, selbstgewiß und schamlos … Er will dich besitzen, wie er andere Schmuckstücke besitzt. Du sollst seinen Ruhm mehren.»

Seine Illusionen über den «Philosophenkönig» wird Voltaire teuer bezahlen. Schädlich rekonstruiert die schmerzhafte Desillusionierung Voltaires, der sich wenige Monate nach dem frühen Tode Émilies am 10. September 1749 nach Potsdam aufmacht, um sich am Hofe Friedrichs II. zu beweisen. Längst hatte da der junge Preußenkönig gezeigt, dass er nicht nur als feingeistiger Dichter, Philosoph, Komponist und Musiker brillierte, sondern auch als Machtmensch, dessen Kriegspolitik die Landkarte Europas veränderte.

Für Voltaires Verhältnisse ist seine Kritik am Militärkönig Friedrich zahm: «Werden Sie denn niemals aufhören, Sie und Ihre Amtsbrüder, die Könige, diese Erde zu verwüsten, die Sie, sagen Sie, so gerne glücklich machen wollen? (…) dennoch, großer König, lieb' ich Sie.» Als es zum Bruch kommt, entscheidet sich Voltaire für die Flucht: eine gefahrvolle Odyssee, eine Demütigung. «Friedrich streichelte Voltaire mit königlicher Samtpfote. Voltaire schien vergessen zu haben, daß es eine Tigertatze war, deren Hieb ihn zerschmettern konnte …»