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In dem italienischen Bergstädtchen nennt man ihn nur Signor Farfalla, den Schmetterlingsmaler. Jeder kennt ihn, den älteren Herrn mit den tadellosen Manieren. Mit seinem Freund, dem Priester Don Benedetto, trinkt er Wein und philosophiert über Gott und die Welt, über Schuld und Sühne. In den Cafés und Bars der Stadt ist er ein gern gesehener Gast. Alle mögen ihn, aber keiner weiß, was er wirklich macht. Farfalla, dessen wahren Namen nie jemand gehört hat, baut Präzisionswaffen für Profikiller. Er ist ein Spezialist des Todes, weltweit ohne Konkurrenz. Einen letzten Auftrag will er noch erledigen und sich dann für immer zurückziehen. Wäre da nicht jener unsichtbare Gegner, der ihn seit Tagen beschattet …
Martin Booth Roman The American ist große Literatur: sprachlich von höchster Präzision und Eleganz, spannend und auf eine phänomenale Weise cool. Kein Wunder, dass in der Anton Corbijns Verfilmung (Kinostart: 16. September) die Hauptrolle mit George Clooney besetzt wurde: ein smarter Thriller, atmosphärisch dicht und fesselnd erzählt.
Signor Farfallas Tarnung ist perfekt. Er malt Schmetterlinge und Blumen. Ein freundlicher Einzelgänger, aber kein Außenseiter, den man misstrauisch beäugen würde. Er ist ein Großmeister der Vorsichtsmaßnahmen. Regelmäßig erhält er Postsendungen, adressiert an Mr. A. Clarke, Mr. A. E. Clarke oder Mr. E. Clark: Briefe und Päckchen, die er selbst auf den Weg gebracht hat. Sein Haus mit der oktogonalen Loggia hoch über der Stadt ist von nirgendwo einsehbar; niemand hat je seine privaten Gemächer betreten. Aus gutem Grund: hier entstehen die Wafen, die bei Attentaten ihre tödliche Wirkung entfalten.
Martin Booth zeichnet seinen Protagonisten als einen Mann mit sehr speziellen Ansichten und einer besonderen Moral. Als Waffenschmied ist sein Signor Farfalla absolut old school, ein Mann mit klaren Prinzipien: «Die hohe Zeit der großen Attentate ist vorbei, untergegangen mit der eloquenten, dekadenten Epoche der Ozeanliner, der Flugboote und der makabren Witwen mit Nerzmantel und fingerdickem Make-up. Heutzutage gibt es nur noch Bomben und Bazookas, ungezielte Kugelhagel, funkgezündete Landminen, planlose Ausbrüche unkontrollierter Gewalt. Es gibt keine Kunstfertigkeit mehr, keinen Werkstolz, keine Gewissenhaftigkeit, keine kühl-gesammelte, verinnerlichte Überlegung. Keinen wirklichen Mut.»
Ebenso wie er selbst keine Angst vor dem Tod verspürt, bereitet es ihm auch kein Kopfzerbrechen, ihn anderen zu bereiten. Der Tod ist ein Teil des Lebens – solange man am Leben ist, existiert er nicht, ist er nicht da. «Mein Job ist, den Tod als Geschenk zu verpacken. Ich bin der Handlungsreisende des Todes, der Vermittler, der den Tod ebenso leicht ins Dasein rufen kann wie ein Jahrmarktmagier eine Taube aus einem Taschentuch zaubert. Ich verursache ihn nicht. Ich sorge lediglich für seine ordnungsgemäße Lieferung. Ich bin der Schalterbeamte des Todes, sein Platzanweiser. Ich bin der Führer auf dem Weg ins Dunkel. Ich bin der mit dem Finger am Schalter» …
… und nicht der mit dem Finger am Abzug. «Ich lebe nach Malcolm X’ Maxime: Ich bin friedfertig, ich bin höflich, ich befolge das Gesetz, ich zolle jedem Respekt. Aber wenn mir einer dumm kommt, mach ich ihn kalt.» Für Signor Farfalla ist ein Attentat kein Mord: «Der Metzger ermordet keine Lämmer, er tötet sie wegen ihres Fleisches. Es ist Teil des Prozesses des Lebens und sterbens. Ebenso bin ich Teil dieses Prozesses.»
Was Booth’ Roman zu einem wahren Genuss macht, sind die wunderbar feinen, subtilen Beschreibungen. Ob er über einen mediterranen abendlichen Landregen, eine Flasche duftenden Roséwein aus Sizilien, das selbstvergessene Flanieren auf der Piazza des Städtchens, eine abgeschiedene Bergwiesen voll leuchtender Blumen, das Aufspüren von Waben mit wildem Honig oder die Liebesnächte Farfallas mit seinen beiden jungen Freundinnen Clara und Dindina, Teilzeithuren aus dem Bordell der Kleinstadt, schreibt – Booth malt die Szenen wie ein detailverliebter Maler aus. Es dürfte wenige Kriminalromane geben, die atmosphärisch mit derart viel Liebe und Finesse ausstaffiert sind wie dieser.
Farfallas letzter Auftrag ist der Umbau einer Socimi 821 für ein Attentat auf ein unbekanntes Zielobjekt (nie würde er fragen, wozu seine Waffe verwendet werden sollte). Es ist eine attraktive junge Frau unbekannter Herkunft und unbekannten Namens, für die er das Präzisionsgewehr herstellt: eine verwirrend anziehende und irritierend undurchschaubare Auftraggeberin: eine hitwoman mit klarem Auftrag.
Gut, dass Signor Farfalla in dem Bergstädtchen, das ihm so ans Herz gewachsen ist, jeden Winkel, jedes Gässchen, jeden Durchgang kennt. Dieses Wissen wird er noch einmal dringend brauchen – an jenem Tag nämlich, als es zur blutigen Konfrontation vor Don Benedettos Kirche kommt. Für den alten Waffenscmied wird es die letzte Flucht seines Lebens sein, das hat er sich geschworen …