Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Stewart O'Nan: Alle, alle lieben dich

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski

Kingsville, eine Kleinstadt tief im mittleren Westen der USA. Kim ist achtzehn, sie hat genug von der Provinz und will endlich aufs College. Noch neununddreißig Tage, dann ist es so weit. Sie wird ausziehen und alles hinter sich lassen: eine verstörte Mutter und einen traurigen Vater, ihre drei Jahre jüngere Schwester Lindsay, ihren zögerlichen Freund und ihre beiden besten Freundinnen. Der Gedanke, wegzugehen, erregt sie. Und macht ihr Angst. «Es war der Sommer, als Kim die Chervette fuhr, mit J. P. zusammen war und sich das Haar wachsen ließ. Der letzte Sommer, der beste Sommer, der Sommer, von dem sie seit der achten Klasse geträumt hatten, der anhaltende Stolz und die Freude, die ältesten Schüler zu sein, die Verlängerung ihres besten Jahres. Sie, Nina und Elise, die drei Amigos.»

Missing – Chronik eines Verschwindens

Aber alles kommt ganz anders in Stewart O’Nans beklemmend präzisem Roman. «Man ist nach wenigen Seiten von der Stadt und ihren Personen vollkommen absorbiert und möchte sie nicht mehr verlassen – buchstäblich bis zum bitteren Ende.» (Neue Zürcher Zeitung)

Nach einem Nachmittag am Fluss brechen Nina und Kim getrennt auf, um drei Uhr müssen sie ihren Ferienjob an der Tankstelle antreten. Kim kommt nie bei der Arbeit an. Seitdem sie nach dem Baden in ihr Auto gestiegen ist, um nach Hause zu fahren, ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Ein Mensch verschwindet, und die Lücke, die er zurücklässt, wird zu einer klaffenden, entsetzlichen Wunde für seine Nächsten.

Brillant übernimmt O’Nan die Rolle des kühlen Chronisten. Seine Beschreibung des Dramas, sachlich, unbestechlich und dabei voller Einfühlungsvermögen, liefert ein erschütterndes Psychogramm der menschlichen Hilflosigkeit. Natürlich denkt man sofort an ein Verbrechen, die Polizei hat jedoch zunächst in alle Richtungen zu ermitteln. Natürlich bersten die Eltern vor Anspannung und Ungeduld, doch der Apparat geht seinen routinemäßigen Gang. Natürlich geben alle Helfer ihr Bestes – Kim aber bleibt verschwunden.

Eine Familie in Verzweiflung und Angst, Nachbarn, die unterstützen wollen, Mitschüler, Kollegen, eine ganze Stadt nimmt Anteil – und sind doch alle, alle nur hilflos. «Findest du das nicht schrecklich?», fragte die Mutter Lindsay. «Du bist wütend und verwirrt, und alle wollen nett sein.» Samthandschuhe überall, unerträglich. Der Leser spürt genau, wann Empfinden und Verhalten nicht zusammenpassen, oder Gefühle und Worte. Doch da ist niemand, auf den man seine Wut, seinen Schmerz richten kann. Diese Leerstelle – keine Kim, kein Täter, keine Erklärung – ist das Schlimmste.

Autoreninfo

wurde 1961 in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Literaturwissenschaft. Heute...
mehr über den Autor
Kammerspiel der Gefühle

Stewart O’Nans Kunst besteht darin, keine der Personen bloßzustellen, während er ihr Leiden zeigt. Ein Kammerspiel der Gefühle. Jeder hat seine Art, mit der Situation umzugehen und mit dem immer wahrscheinlicher werdenden Gedanken, dass Kim tot ist. Ihre Mutter spürt, wie sie als öffentlich Trauernde zu einer Art Politikerin wird, Aktivismus ist ihr Weg, dem Verlust zu begegnen. Präzise zeigt O’Nan die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien und Gefühlswelten. Mit der Schwester sind wir in der High School, in Kims Vater begegnen wir dem Mittelstand, ehrgeizig, gutwillig, aufrichtig. Der Ausnahmezustand im Alltag einer amerikanischen Kleinstadt.

Alle, alle lieben dich ist das beklemmende Protokoll einer unlösbaren Situation. Wochen, Monate vergehen, ein Jahr, zwei Jahre. Keine Fährte führt zu dem verschwundenen Mädchen. Die aktive Trauerzeit ist längst vorbei, die Eltern haben sich wieder eingerichtet in ihrem alten, und doch für immer veränderten Leben, und die Schwester Lindsay hat gerade den Schritt gemacht, vor dem Kim damals stand. In dem College in der Großstadt kann sie endlich in eine wohltuende Anonymität eintauchen, die ihren Eltern verwehrt bleibt. Da bringt ein Anruf des Sheriffs die mühsam errichtete Fassade der Familie ins Wanken.