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Georg Klein: Roman unserer Kindheit

© Alexander Fest

Georg Klein hat den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 gewonnen. Roman unserer Kindheit bekam schon im Vorfeld überragende Besprechungen. Hier eine erste Auswahl:

«Ein Geniestreich ist dieser Roman, opak, dicht, verrückt, hässlich und irre schön.»
(Ina Hartwig, Die Zeit)

«Georg Kleins bestes Buch – die wahre Geschichte unserer Kindheit.»
(Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung)

«Eine solche Hülle und Fülle an Erzählkunst, die schon an Angeberei grenzt – aber alles gelingt –, hat es selbst bei Georg Klein noch nicht gegeben.»
(Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau)

«Es steckt alles drin, was die Faszination dieses eigenmächtigsten unter den deutschen Literaten (…) ausmacht. Die Sprachmacht, die Fabulierlust, die grandiose, aber nie selbstverliebte Satzabschmeckerei, der Grusel, die Grausamkeit, das (auch und vor allem sexuell) Irritierende, das subtile Symbolgeflecht, der Metaphernwust, die Nachtseite des Deutschen, die Abseiten des Männlichen, Pulp und Heftchenkultur … Geerdeter jedenfalls, entspannter, zugänglicher, konkreter war Georg Klein nie.»
(Elmar Krekeler, Welt am Sonntag)

«Eine wahnwitzige, monströs wuchernde, schwarzmagische und fuchslochartig verzweigte – schlicht und einfach: fantastische Geschichte.»
(Jutta Person, taz)

«Das Verdrängte, das Abgründige, das Unheimliche wird beredt. Wer sich auf Georg Kleins verschlungene Nebensatzkonstruktionen einlässt, dem schwirrt bis zum Schluss – und danach erst so richtig! – auf wunderbare Weise der Kopf.»
(Helmut Böttiger, Neue Zürcher Zeitung)

«Wie im Roman der große Feriensommer, so steht hier die Kunst des Autors in ihrem Zenit.» (Burkhard Müller, Volltext)

Falscher Bär, echtes Blut

Es sind die sechziger Jahre. In die Häuser der Neuen Siedlung ziehen ein erstes Telefon, ein erster Fernseher ein, das Auto ersetzt das Motorrad. Die Mutter trinkt Instantkaffee. Das hölzerne Stopfei wandert aus dem Nähkorb in die Sammlung der Zwillinge, zu Plastiktieren, Vogelknochen, Wundertütenfunden. Der Hund des Kriegsblinden heißt Sputnik. Georg Klein macht die Zeit, in der sein «Roman unserer Kindheit» spielt, an vielen Dingen dingfest. Der Schauplatz ist spärlicher bestückt, es gibt die Bärenkellerwirtschaft, das Krankenhaus Josephinum, das Gaswerk, die Siedlung im Stadtteil Oberhausen. Der Wunsch, den Roman unserer Kindheit autobiographisch zu lesen, führt zum Autor. Georg Klein wurde 1953 in Augsburg geboren. Oberhausen, ein ehemaliges Arbeiterviertel, liegt im Nordwesten Augsburgs. Eine Autobiographie ist der Roman unserer Kindheit trotzdem nicht.

Er beginnt und endet im Sommer, es ist Ferienzeit. Von Sonnentag zu Sonnentag, kaum, dass es einmal regnet, stürzt der Erzähler seine Figuren kopfüber in Abenteuer und rätselhafte Begebenheiten. Sie kulminieren in einem blutigen Countdown auf der Kegelbahn des Bärenkeller. Der Bär, der sich den Kindern dort entgegenstellt, schreckt vor nichts zurück, auch die Geheimsprache der schicken Sybille versagt ihre Wirkung: «Dubu blöbödeber Blubuteberl». Nachdem die Kinder den Bären mit Hilfe von Sputnik und den Utensilien einer Piratengeschichte erlegt haben, zeigt sich, er ist aus Gummi, das Blut Farbe. Aber wieso sollten die Kinder das geahnt haben, kennen sie doch das Buch «Die Bärentöter» und wissen, auch Bären haben ein Recht auf Rache.

Nicht nur am Schluss, ständig geht es in diesem Roman hin und her zwischen offenkundigem und unerklärlichem Geschehen, Täuschungsmanöver und Abbild der Wirklichkeit. Das Blut, das dem Älteren Bruder gleich am ersten Ferientag aus der Wunde tropft, ist jedenfalls echt. Er ist mit der Ferse in die Fahrradspeichen geraten.

Die Mutter, eine unglaublich verständige Person, verfrachtet ihren Ältesten und sein bandagiertes Bein in den ausrangierten Zwillingskinderwagen. Auf geht’s ins «Imperium der Sommerferien». Ob im Kinderwagen oder dann auf Krücken, der Ältere Bruder führt die achtköpfige Truppe der Siedlungskinder an. Älteste ist mit elf die Schicke Sybille, Jüngste, ihre Kleine Schwester. Dazwischen der Wolfskopf, der Schniefer, der Ami-Michi, die Witzigen Zwillinge, sie sind die jüngeren Brüder des Großen. Kopf der Gruppe ist der Ältere schon deswegen, weil er Piratengeschichten erfinden und Bücher beim Vorlesen umdichten kann.

Autoreninfo

Georg Klein, 1953 in Augsburg geboren, veröffentlichte unter anderem die Romane «Libidissi», «Barbar Rosa» und «Sünde Güte Blitz» sowie die...
mehr über den Autor
Die Prophezeiung des Kiki-Manns

Zu tun gibt es genug: das neueste Sperrmüllsofa inspizieren, dem Huhlenhäusler Achim aus dem Weg gehen, der die Kinder zwingt, die rostige Lampe seines Fahrrads abzulecken, den Wellensittich einfangen, den die Kleine Schwester, das Miststück, aus dem Käfig hat fliegen lassen, weil der nicht nachsprechen wollte, was sie ihm einzutrichtern versuchte. Schließlich muß die Kleine selbst, die ohne Sandalen und Söckchen Verschwundene, gefunden werden. Die Sache ist dringlich, hatte der taubstumme Vogelzüchter, der Kiki-Mann, dem Achim doch verraten, ein dünnes Mädchen sei ihm im Traum erschienen: «Üchüm! Üünüs dür Süüdlündskündür süll ürmürdet würdün!»

Und während des Countdowns auf der Kegelbahn erinnert sich der Mann ohne Gesicht, daß ihm die Mäuse, deren Sprache er versteht, seit ihm im Krieg Gesicht und Gehör zerschossen wurden, genau das Gleiche, die Untat eines Kindermörders prophezeit hatten. An einer der seltenen Stellen, in denen der Erzähler sich direkt an den Leser wendet, heißt es: «Für dergleichen kann und darf es keine logisch rückwärtstapsende Erklärung geben.»

Spiel’ nicht mit den Schmuddelkindern

Während die Kinder im Bann ihrer Phantasie wirkliche und eingebildete Abenteuer erleben, Eltern und Nachbarn den Alltag ins Auge fassen, bringen sich drei überlebende Panzerfahrer ins Spiel. Der Kommandant mit der Silberplatte im Kopf hat seinen Befehlsstand in die Ruinen des Bärenkeller, eine Einflüsterung seines Nichtchens. Dort stirbt er, ein natürlicher Tod, die Kinder filzen die Taschen der Leiche. Der Mann ohne Gesicht richtet sich in der Siedlung ein, der blinde Fehlharmoniker spielt auf der Straße Akkordeon. Was er spielt, klingt in den Ohren der Oberhausener fremd. Beide, der Mann ohne Gesicht wie der Fehlharmoniker, gehen den Wegen der Kinder nach und sind zur Stelle, als die letzte Schlacht, der Kampf mit dem Bären, ansteht. Dann liegt bei Tabak-Geistmann ein neuer Kriegsroman im Fenster, «drei Männer knien vor der Flanke eines mächtigen, mit einem Kreuz geschmückten Panzers».

Der Erzähler ist unschuldig, die Verantwortung für die Irreführung des Lesers trägt die Icherzählerin, ein flüchtiges, namenloses Wesen, das mal in der Gestalt des dünnen Mädchens, mal als Nichtchen des Kommandanten, mal als Mäuse-Souffleuse auftritt und alle Fäden in der Hand zu haben scheint. Am Ende löst sich das Rätsel. Die Sommerferien beginnen noch einmal. Die Kindheit dauert ewig, jedenfalls im Buch.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autorin: Agnes Hüfner)